Zaun

#2 Freiheit: Leben nach dem Gefängnis

Nach der Freude über die Entlassung folgt für viele ehemalige Häftlinge die bittere Realität. Viele haben keine Familie oder ein Zuhause, in das sie zurückkehren können. Andreas (44)  ist ehemaliger Strafgefangener, leidet an Schizophrenie und einer bipolaren Störung. Er lebt im Wohnheim Mariahilf und spricht mit Klammerauf über sein Leben im Gefängnis und wie es ihm seit der Haftentlassung ergangen ist.

Klammerauf: Wie lange warst du im Gefängnis?

Andreas (Anm.: Name würde von der Redaktion geändert): Ich war drei Monate in U-Haft, davon zwei Wochen im Gefängnis Wiener Neustadt und die restliche Zeit verbrachte ich in der forensischen Psychiatrie in Mauer Öhling, in Niederösterreich.

Klammerauf: Warum warst du in Haft?

Andreas: Ich hatte Probleme mit der Polizei, und wurde festgenommen wegen Wiederstands gegen die Staatsgewalt.

Klammerauf: Darf ich Fragen in welchem Zusammenhang?

Andreas: Im Zusammenhang mit Suchtmittel.

Klammerauf: Hast du das Gefühl, dass das Gefängnis beziehungsweise die Anstalt ihre Resozialisierungsfunktionen, speziell für psychisch Kranke, erfüllen?

Andreas: Die Anstalt? Nein gar nicht. Es geht im Prinzip hauptsächlich um diszipliniertes Verhalten, mit pünktlicher Medikamenteneinnahme, man wartet seine Zeit ab. Zigaretteneinteilung gab es auch, maximal 15 Stück am Tag waren erlaubt. Einmal in der Woche gab es ein kurzes Gespräch mit Psychiater*innen, aber der Schwerpunkt lag auf Medikamenten. Nach 3 Monaten wurde ich von der Richterin auf Bewährung entlassen. In der U-Haft hat es keine Beschäftigung gegeben, keine Arbeitstherapie, keine Sporttherapie, nur ausnahmsweise eine Stunde Tischtennisspielen.

Klammerauf: Hast du eine Substitutionstherapie im Gefängnis bekommen?

Andreas: Nein, nur Psychopharmaka. Diese waren zum Ruhigstellen, und Eingliedern in die Gesellschaft, so stand es auf den Medikamenten oben. Da ich mich für die Medikamente entschieden habe, haben sie gesehen, dass ich gewillt bin eine Therapie zu machen.

Klammerauf: Was waren für dich die größten Hürden nach der Entlassung?

Andreas: Das Schwierigste war, sich wieder an alle Eindrücke zu gewöhnen, die man draußen hat. Die vielen Menschen, der Verkehr, wieder mehr Bewegung. Ich wohnte im Haus vom Verein Wobes, wo man keine Miete bezahlt. Man muss jeden Tag um 22 Uhr im Haus sein, und Drogen sind verboten. Ich bin bei Wobes rausgeflogen, weil ich mich nicht an die Regeln gehalten habe. Dann habe ich ein paar Tage auf der Straße gelebt und bin dann hier eingezogen.

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Eine Umgebung an die sich Andreas sich erst wieder gewöhnen musste: die belebten Fußgängerzonen in  © Sonja Schmeißl

Klammerauf: Wie hast du von dem Wohnheim hier erfahren?

Andreas: Über Neustart, über meinen Betreuer. Außerdem muss das Gericht einverstanden sein, dass ich hier lebe.

Klammerauf: Du hast also mehrere Auflagen bekommen, nach dem Gefängnis?

Andreas: Ja, genau. Wohnort, Medikamenteneinnahme, Therapie bei dem Verein Grüner Kreis und regelmäßige Treffen mit meinem Bewährungshelfer.

Klammerauf: Hast du derzeit eine Arbeit?

Andreas: Ich arbeite derzeit nicht und bekomme Frühpension aufgrund meiner psychischen Erkrankungen. Ich habe Schizophrenie und eine bipolare Störung.

Klammerauf: Wie reagiert dein Umfeld darauf das du im Gefängnis warst?

Andreas: Die jüngeren Leute, mit denen ich mich hauptsächlich umgebe, finden das meist nicht so schlimm. Eine Gefängnisvergangenheit finde ich jetzt grundsätzlich auch nicht schlimm, es kommt halt immer darauf an was man gemacht hat.

Klammerauf: Hast du auch eine Familie?

Andreas: Ja, eine Tochter, aber wir haben keinen Kontakt.

Klammerauf: Wie sieht ein typischer Tag für dich aus?

Andreas: (lacht) Ein typischer Tag? Planen tue ich nicht viel, was ich mache, mache ich spontan. Ab und zu besuche ich Freunde. Arbeit habe ich ja keine, aber ich schaue mich um.

Klammerauf: Also zusätzlich zur Frühpension?

Andreas: Ja, ich würde gerne etwas machen oder vielleicht auch wieder eine Fixanstellung haben.

Klammerauf: Was könnte man deiner Meinung nach am österreichischen Strafvollzug verbessern?

Andreas: Auf alle Fälle mehr Menschlichkeit einbringen. Auch von den Beamten gegenüber den Häftlingen. In Wiener Neustadt durften wir uns nur zweimal die Woche duschen. Die Räume sind auch sehr klein zu zweit.

Klammerauf: Findest du das österreichische Strafsystem gerecht?

Andreas: Wenn man auf der Straße verhaftet und mitgenommen wird, ohne dass man Zeit hat seine Sachen zu packen, finde ich das nicht gerecht. Mich konnte auch niemand erreichen, niemand wusste wo ich bin. Auch mein Betreuer konnte mich nicht erreichen.

Klammerauf: Was hast du für Wünsche für deine Zukunft?

Andreas: Heiraten. (lacht) Also eine Partnerin und eine eigene Wohnung. Ich würde mir wünschen wieder eine Arbeit zu haben oder vielleicht auf die Uni zu gehen. Mich interessieren viele Themen. Ich lese auch gerne philosophische Texte. Ich weiß jetzt nicht wie die Anforderungen für die Aufnahme an der Universität sind. Aber Mathematik ist ja überall dabei, oder?

Klammerauf: Kommt auf das Studium an. Hast du denn eine Matura oder Studienberechtigungsprüfung?

Andreas: Nein, das würde für mich heißen: lernen, lernen, lernen.

Klammerauf: Vielen Dank für deine Zeit und das offene Gespräch.

Weitere Informationen

Der Verein für Integrationshilfe, der das Wohnheim Mariahilf betreibt, hat neben dem Wohnhaus noch eine Beratungsstelle für Haftentlassene und 8 betreute Wohnungen, in verschiedenen Wiener Bezirken. Davon sind zwei speziell für haftentlassene Frauen und eine für eine Familie vorgesehen.

Wollte Tierärztin werden. Ist es zwar nicht geworden, aber hat jetzt dafür 3 Katzen. Liebt süße Weinspritzer, hasst weich gekochte Karotten.

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