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Trockene Alkoholiker*innen erzählen

Hast du dich jemals gefragt, wie das Leben von Alkoholiker*innen aussieht? Wie es bei den Anonymen Alkoholiker*innen abläuft? Ob ein Meeting wie im Fernsehen mit „Ich bin XY und ich bin Alkoholiker*in“ beginnt? Um ein paar Antworten zu sammeln, hat Klammerauf einen Abend bei den Anonymen Alkoholiker*innen (AA) verbracht.

Ein Besuch bei den Anonymen Alkoholiker*innen

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© Marlene Sturmaier

Es ist 19:00 Uhr und nachdem ich bei den Anonymen Alkoholiker*innen geläutet habe, wird die Tür von zwei Mitgliedern geöffnet, die mich herzlich empfangen. Sie erklären mir gleich, dass ich auch ohne zu läuten reinkommen darf. Durch eine Küche geht es in den Raum, in dem das  heutige Meeting stattfinden wird. In der Mitte steht ein großer Tisch gefüllt mit Tassen, Gläsern, Kaffee, Tee, Nussstrudel und Chips. Rundherum stehen einige Sessel. Am Rand des Raumes gibt es auch noch zusätzliche Plätze, für den Fall, dass einmal mehr Leute kommen. An den Wänden hängen die 12 Schritte, ein „Programm“ beziehungsweise Lebensphilosophie für das Leben nach dem Alkohol, in deutscher und arabischer Sprache. Pünktlich um 19:30 beginnt das Treffen, doch Manfred, der Leiter des Treffens, ist so nett und nimmt sich noch vor dem Meeting die Zeit, um mit Klammerauf zu sprechen:

Klammerauf: Beginnen wir mit deiner Geschichte. Wann hast du begonnen Alkohol zu trinken?

Manfred: Mit ungefähr 15 Jahren habe ich mit dem Trinken begonnen. Ich komme aus einer gutbürgerlichen Familie, einem kleinen Beamtentum. Damals war ich groß und einigermaßen sportlich, nein, eigentlich ziemlich sportlich, doch ich war auch schüchtern. Der Alkohol hat über die Hürden der Schüchternheit geholfen. Er hat die gewollte Wirkung gebracht.

Klammerauf: Wie hat sich deine Abhängigkeit entwickelt?

Manfred: Während der Schulzeit trank ich auf Partys, später während dem Studium war der Alkohol auch mit dabei. Im Berufsleben war ich anfänglich in einer Abteilung tätig, wo nichts getrunken wurde, aber ich fand mich mit Leuten mit selben Interessen zusammen und es wurden auch während der Arbeit Probleme bei einem Bier besprochen. Im Wirtshaus und beim Heurigen wurde auch getrunken und oft zu viel getrunken, bis ich am Schluss drei- bis fünfmal pro Woche flach lag. Mit 40 bin ich dann zu den Anonymen Alkoholikern.

Klammerauf: Wie hat sich der Alkohol auf dein Leben ausgewirkt?

Manfred: Ich habe mit Ach und Krach meinen Job erledigt. Damals in der Schule und im Studium war ich bestimmt auch beeinträchtigt, dennoch schaffte ich die Matura mit Auszeichnung. Es heißt nicht, dass jeder Alkoholiker nichts im Kopf hat, dieses Klischee ist unzutreffend. Alkoholiker gibt es in jeder Gesellschaftsschicht. Irgendwann stand ich an der Wand und wurde mir über meine Probleme bewusst.  Gott sei Dank kam ich dann zu den Anonymen Alkoholikern.

Klammerauf: Wie bist du zu den Anonymen Alkoholikern gekommen?

Manfred: Meine damalige Partnerin hat mich zu den Anonymen Alkoholikern geschliffen. Sie war bei den Al-Anon (Anm.: Al-Anon sind eine anerkannte Selbsthilfegruppe für Menschen, deren Leben durch das Trinken einer*s Andere*n beeinträchtigt wird oder wurde) und meinte eines Abends, ob wir gemeinsam gehen wollen. Also ich zu den Anonymen Alkoholikern und sie zu den Al-Anon.

Klammerauf: Wie war es für dich, als du begonnen hast, zu den Anonymen Alkoholiker*innen zu gehen?

Manfred: Ich hatte keine schlechten Leberwerte, war aber auch nie bei einem Arzt, der es mir gesagt hätte. Ich betrieb absolute Selbstverleugnung, konnte es auch nicht sehen, vor allem weil ich es auch nicht sehen wollte. Beim ersten Treffen habe ich dann Menschen getroffen, die das gleiche Problem hatten wie ich. Es wurden ein paar Sachen gesagt wie „Lass das erste Glas stehen.“ Mir war bewusst, wenn ich nichts trinke, werde ich nicht betrunken. Aber dann hatte ich ein Aha-Erlebnis. Natürlich wusste ich, dass ich ein Alkoholproblem habe, ich hätte es aber nie zugegeben. Doch beim Meeting war es so, dass jeder von sich redete und ich war so „äh Kapitulation“. Ich musste es hinnehmen und akzeptieren, eine Krankheit ist keine Schande, aber nichts dagegen zu tun, ist eine. Das war vor fast 20 Jahren, dazwischen hatte ich einen mörderischen Rückfall, weil ich neugierig war. Ich ging wieder zu den Treffen und hörte schrittweise auf.

Klammerauf: Hast du heute noch die Versuchung zu trinken?

Manfred: Nein, heute kaum noch. Kennst du den Ausdruck „Der, der als erstes aufgestanden ist, ist heute am längsten trocken?“ Bei meinem Rückfall dachte ich, da passiert nichts, wenn ich ein bisschen was trinke, da falle ich nicht gleich ins Bierfass hinein. Nach 14 Tagen war ich wieder auf der Dosis von vorher. Man kann nicht sagen, man ist geheilt, sondern man ist immer Alkoholiker.

Klammerauf: Du hast vorhin erwähnt, dass deine damalige Partnerin dich zum Meeting gebracht hat. Also hat sie dich unterstützt?

Manfred: Al-Anon wurde ja gebildet, weil man draufgekommen ist, dass auch wenn Alkoholiker zu trinken aufhören, keine netten Menschen sind. Ihre Probleme gehen nicht weg, wenn sie aufhören zu trinken. Sie müssen schauen, dass sie mit sich selbst zurecht kommen. 1.Schritt: Wir geben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind. Bei den Al-Anon lautet es „dem Alkoholiker gegenüber machtlos“. Meine damalige Partnerin hat mich nicht gepusht, sondern mir die freie Wahl gelassen. Sie sagte ich könne mitgehen, wenn ich wolle, die Tür stände offen.

Klammerauf: Haben sich deine sozialen Kontakte wegen Alkohol verändert?

Manfred: Wie gesagt habe ich mit 15 zu trinken begonnen und das hat sich dann langsam entwickelt. Es gibt Jugendliche, die lustig sind, die Gas geben, egal ob mit oder ohne Alkohol und Substanzen. Irgendwann war ich in einer Gruppe, die mit Substanzen Gas gab und die anderen langweilig fand. Das zog sich durch, später im Beruf war es dann auch die Gruppe, die sich mit dem Bier zusammengestellt hat, um über Probleme zu sprechen.

Klammerauf: Darf ich fragen, was du arbeitest?

Manfred: Ich bin Betriebswirt, ein Zahlenmensch, ein Angestellter. Man muss nicht Lagerarbeiter sein, um Alkoholiker zu werden. Alkoholismus zieht sich durch bis in die obersten Etagen.

Klammerauf: Ist irgendjemand aus deiner Verwandtschaft auch alkoholkrank?

Manfred: Sagen wir’s so, im Alter zwischen 45 und 55 ist jeder 7. Mann und jede 20. Frau Alkoholiker*in. Die doppelte bis dreifache Menge leidet unter einem Alkoholmissbrauch. Es wäre also gelogen, wenn jemand sagt, er hat keinen Onkel, Tante, Opa oder sonst wen mit massiven Alkoholproblem. Bei mir ist es genauso.

Klammerauf: Kommen wir zurück zu den Anonymen Alkoholiker*innen. Wie viele Leute sind üblicherweise bei einem Meeting?

Manfred: Man sagt, ab zwei Leuten ist es ein Meeting. Normalerweise sind es 12 bis 15, aber es gibt auch welche mit 15 bis 20. In den USA gibt es auch welche mit 100 Leuten. In Wien gibt es 50 Meetings pro Woche inklusive englischsprachiger, welche den ursprünglichen AAs am ähnlichsten sind. Österreichweit gibt es insgesamt 170 Gruppen, welche in jedem Bundesland vertreten sind, die wenigsten hat dabei Kärnten mit 2 Gruppen. Weltweit gibt es sogar 110.000 Gruppen.

Klammerauf: Sind bei den Anonymen Alkoholiker*innen größtenteils Leute, die nur bei den AA sind oder auch manche, die einen Entzug gemacht haben?

Manfred: Das ist ganz gemischt. Einige haben schon eine Therapie, einen Entzug oder eine Entwöhnung hinter sich und sind dann zu den AAs. Aber es gibt auch welche, die ein paar Mal hier waren und danach nie wieder kamen beziehungsweise einen Entzug oder Ähnliches gemacht haben.

Das Meeting

Da immer mehr Leute in den Raum kamen und damit noch etwas Zeit zum Tratschen übrig war, beendeten wir an diesem Punkt unser Interview. „Ich bin Manfred und ich bin Alkoholiker“ – „Hallo Manfred“. So beginnt das Treffen. Sieben Leute (inklusive mir) sitzen rund um den Tisch. Das Thema des Meetings: Gestern – heute – morgen. Manfred leitet ins Thema ein und bevor die anderen mit ihren Geschichten weiter machen, werden gemeinsam die 12 Schritte gelesen. Nach und nach trudeln noch ein paar weitere Leute ein. Jeder, der etwas sagen möchte, zeigt kurz auf und beginnt zu sprechen. 

Geschichten vom Tiefpunkt, von verrückten Aktionen, die nüchtern betrachtet verrückt werden, von Momenten, an die sie nie wieder zurück möchten – vom Gestern. Heute geht es ihnen besser, auch nicht immer gut, aber immerhin besser. Und morgen? Das Morgen beschränkt sich auf eine kurze Zeit, da ein zu langer Plan zu Angst, Zweifel und Scheitern führen kann. Nachdem das Meeting aus ist, gehen die meisten, doch einige bleiben gleich noch für das anschließende. Für mich heißt es auch nach dem ersten Meeting Tschüss.

Jede*n kann es treffen

Das Meeting und das Interview zeigen, dass wirklich jeder von der Alkoholkrankheit betroffen sein kann, egal ob es ein 25-jähriger Arbeiter, eine 70-jährige Pensionistin oder ein 60-jähriger Betriebswirt. Weder die Arbeit, noch das Geschlecht und das Alter sagen etwas darüber aus, ob jemand mehr oder weniger zu Alkoholismus neigt.

Viele kennen sie aus etwaigen Serien und Filmen – die Anonymen Alkoholiker*innen. Doch was sind die Anonymen Alkoholiker jetzt genau? Die Anonymen Alkoholiker*innen, kurz AA, sind eine Selbsthilfeorganisation, die jeden herzlich Willkommen heißt, der aufhören möchte zu trinken. Die Gemeinschaft entstand bereits vor 85 Jahren in Akron, Ohio, als sich ein Chirurg und ein Börsenmakler trafen und somit den Grundstein für eine heute weltweit agierende Organisation setzten. Seit 60 Jahren sind die Anonymen Alkoholiker in Österreich vertreten. Mitgliedsbeitrag gibt es keinen, die Leiter*innen der einzelnen Meetings sind selbst Mitglieder und üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Ein wesentliches Merkmal der Anonymen Alkoholiker*innen ist natürlich die Anonymität. Alles was im Meeting gesagt wird, bleibt im Meeting. Da Alkoholismus eine Krankheit ist, mit der man Tag für Tag leben muss, sind auch viele Mitglieder Jahre nach dem letzten Glas noch wöchentlich bei den Treffen.

Hilfe und Anlaufstellen

Falls du oder jemand aus deinem Umkreis ein Problem mit Alkohol hat und zu trinken aufhören möchte, erreicht man die Anonymen Alkoholiker*innen hier.

Bücherwurm mit Netflixsucht. Verträumte Idealistin. Klein aber oho. Liebt ihren Malteser, Gin und Tee. Hat oft die Begeisterungsfähigkeit von einem Kind. Träumt von einem eigenen Café und könnte Stunden über Musik reden.

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