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An Herrn Geisler

Es hat gedauert, aber nun ist sie da – meine Wut auf Sie. Meine persönliche Enttäuschung von Ihnen, wo ich Sie nicht einmal kenne. Herr Geisler, wissen Sie eigentlich, was Sie da getan haben?

In dem Video, das ich gesehen habe – ohne mir vorher mediale Berichterstattung dazu anzusehen – stehen Sie am Landhausplatz. Neben Ihnen steht Ingrid Felipe, um Sie herum eine Traube von Menschen. Eine Frau* mit Mundnasenschutz spricht in Ihre Richtung. Sie halten einen Stapel Papier in der Hand und fallen dieser Frau* ins Wort, sagen etwas von „am Boden bleiben“. Und dann, es scheint wie Selbsterkenntnis, meinen Sie an Felipe gerichtet, „Siehst, die lässt mich gar nicht reinreden“. Pause.

Haben Sie sich diese Aufnahme ein einziges Mal angesehen, seit es um Sie rumort? Noch einmal: Sie stellen selbst fest, dass sich die Sprechende* nicht von Ihnen unterbrechen lässt. Sie scheinen dabei fast überrascht. Warum sollte sich irgendjemand unterbrechen lassen? Und welcher Gesprächskultur folgend, ist es angebracht andere zu unterbrechen? Sind Sie ein erwachsener Mann*, der es manierlich findet, anderen ins Wort zu fallen, sich selbst und seine Meinung für wichtiger, hörenswerter und zentraler als alle anderen findet? Dieses Verhalten lässt zu wünschen übrig.

Ein mir altbekanntes Sprichwort meint dazu außerdem: „Ein Mensch hat zwei Ohren und nur einen Mund, weil ZUHÖREN doppelt so wichtig ist wie reden.“ Selbstverständlich sollten alle an irgendeinem Punkt im Gespräch, im Unterschied zum Monolog, zu Wort kommen. Über den Zeitpunkt selbst ist dabei noch lange nichts gesagt. Die andere Partei scheint ihre Ausführungen noch nicht beendet zu haben, aber Ihr Standpunkt scheint so wichtig zu sein wie sonst keiner. Ist er das? Woher wissen Sie wohin die Argumentation der anderen Person noch führen mag? Welche Gründe und Überzeugungen noch kommen? Sie wissen es nicht, genauso wenig wie ich. Das unterstelle ich Ihnen einfach. Es sei denn Sie sind des Gedankenlesens mächtig. Das glaube ich nicht.

 

 

Play. Mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht sagen Sie „widerwärtiges Luder“. Dabei wandert Ihre Hand zum Gürtel und Sie stellen sich breiter hin. Pause. Schlüsselstelle. Zeugt dies von den Ihnen ausgegangenen Argumenten? Von Ihrer Unfähigkeit sich argumentativ, sachbezogen, nachvollziehbar im Gespräch Gehör zu verschaffen? Fühlen Sie sich machtlos und können sich nicht behaupten? Es ist mir egal. Es geht hierbei nicht um inhaltliche Standpunkte. Es geht um Ihre Rolle als Mensch, der einen anderen Menschen herabwürdigt. Um was zu tun? Sich mächtig zu fühlen? Überwasser zu bekommen? Nein, sich in männlicher Manier durchzusetzen. Gegenüber einer Frau* mit einer eigenen Meinung. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht? Dass Ihre Rolle hierbei nicht die des Politikers*, sondern die des Mannes* war?

Politiker*innen als Un- und Übermenschen

Ich habe zu Beginn dieser Debatte gezögert die Petition für Ihren Rücktritt zu unterschreiben, weil der Anspruch an Politiker*innen zu oft ist die perfekten Menschen sein zu müssen. Denken wir an Van der Bellen oder an Bierlein. Angeprangert am medialen Staatsbankett. Wer hat nicht schon einmal die Zeit übersehen und sich verratscht? Ohne es gut heißen zu wollen, ist es irgendwie nachvollziehbar – ist mir auch schon passiert. Wer rechnet damit, dass das ganze Land diskutiert, welches Ausmaß der Skandal um die eigene abgenommene Lenkberechtigung annehmen soll?

Alle Menschen öffentlichen Lebens stehen unter enormer Beobachtung, ob sie das wollen oder nicht. Jeder Schritt und Fehltritt wird verfolgt und „aufgearbeitet“ – wenn nicht von den Betroffenen selbst, dann von allen anderen. Die es betrifft und die es nicht betrifft. Der Druck, der auf diesen Schultern lasten muss, der kann Individuen erdrücken, davon bin ich überzeugt. Ich glaube niemand würde tauschen wollen, trotzdem reden alle mit. Fakt ist: Da, wo Menschen sind, da menschelt’s. Fehler passieren, sie sind menschlich. Sind die Fehler jedoch unmenschlich, so müssen Konsequenzen gezogen werden.

Alles nur ein „Fehler“?

Was macht einen unmenschlichen Fehler aus, fragen Sie sich? Unmenschlich ist einer, der andere abwertet, der in seiner Tragweite Dritte legitimiert das Gleiche oder schlimmeres zu tun, der Menschen in ihrem Leben nachhaltig beeinflussen und beeinträchtigen wird. Und einer, auf den Taten folgen werden.

Ihr „Fehler“ war repräsentativ dafür, was grundlegend falsch läuft. Ihr „Fehler“ war einer, der ein Menschenbild offenbart hat – oder würden Sie überhaupt auf die Idee kommen so etwas zu sagen, wenn es sich nicht um eine zutiefst verinnerlichte Vorstellung handeln würde? Der gravierende Unterschied zu allen anderen mit einem entsprechenden Verständnis über Frauen* ist, dass es bei Ihnen eben zu Tage gekommen ist und nicht mehr „nur“ subtil unterschwellig durchscheint. Ihr „Fehler“ hat Auswirkungen: Männer* können Frauen* beleidigen, herabwürdigen, niveaulos behandeln, sich über sie und ihren Willen hinwegsetzen und sie wissen, es hat keine Folgen für sie. Die Konsequenzen Ihres „Fehlers“ sind allerdings noch sehr viel weitreichender als diese Message. Männer* werden Frauen* beleidigen, herabwürdigen niveaulos behandeln, sich über sie und ihren Willen hinwegsetzen, weil sie wissen werden, dass ihnen nichts passiert. Es hatte keine Folgen. Für Sie nicht. Also warum sollte es für andere Konsequenzen haben? Sie sind Politiker. Sie sind der Präzedenzfall der Nation.

Sie werden an Sie denken!

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Was zu einer Kultur der Vergewaltigung beiträgt und sie weiter trägt. © Jaime Chandra & Cervix (September 2018)

Jeder, der einen frauen*verachtenden Witz macht, wird an Sie denken. Jeder, der einer Frau hinterherpfeift, wird an Sie denken. Jeder Vorgesetzte*, der den Hintern einer Mitarbeiterin* „streift“, wird an Sie denken. Jeder, der auf einer Party K.o.-Tropfen in ein Getränk mixt, um sich über den Willen einer Frau* hinwegzusetzen, wird an Sie denken. Wie Sie einer Frau* am Landhausplatz ins Gesicht sagen minderwertig zu sein und Ihnen nichts passiert.

Sie normalisieren frauen*feindliches Verhalten und legitimieren all dies. Sie werfen die Frage auf: Bis wohin kann dieses „Spiel“ getrieben werden bis etwas passiert? Für Sie hatte es keine Folgen, warum also für jemand anderen? Ihnen wurde von allen Seiten die Stange gehalten, so wird es bei allen anderen auch sein. In einer Kultur der Vergewaltigung wird keinem etwas passieren, denn sie ist wie für sie alle gemacht.

Ich kann Ihnen sagen, für wen sie nicht gemacht ist: Für Frauen*. Die 19,6% weniger verdienen. Die sich im Jahr 2020 mit den Anfeindungen von Arbeitskollegen* herumschlagen müssen, anstatt gemeinsam das große Ganze zu nähren. Die ihre Getränke nur in vor ihren Augen geöffneten Flaschen konsumieren. Die mit Schlüsseln zwischen ihren Fingern nach Hause gehen. Für die die gefährlichste Zeit einer Beziehung die Trennung ist. Für die dieses System (lebens)gefährlich ist – weil Sie sie als widerwärtige Luder bezeichnen können und eine Struktur mittragen, in dem die systematische Ab- und Minderwertung von Frauen* kein Problem ist.

 

 

Eine Entschuldigung reicht nicht

Ein Gedanke, der mich auch sehr beschäftigt, ist jener, dass Sie wenig Anreiz haben darüber zu reflektieren woher Ihre Reaktion eigentlich kommt. Denken Sie wirklich, dass Luder kein grundnegativ konnotierter Begriff ist? Leben Sie ehrlich im Glauben, es handle sich hier um etwas anderes als um die systematische Abwertung einer Frau* als Gegenüber? Wollen Sie schon einmal einen Mann* als Luder bezeichnet oder benannt gewusst haben? Es handelt sich hierbei um ein Geschlechterspezifikum, ob Ihnen das passt oder nicht. Ich hoffe Sie bedenken das, wenn Sie sich zukünftig wirklich bessern wollen wie Sie nach Ihren Entschuldigungen versprochen haben. Hoffentlich werden Sie sich Ihrer eigenen Sexismen bewusst, dabei handelt es sich nämlich um nichts anderes. Es wäre wichtig darüber nachzudenken wie all dies in ein größeres Ganzes passt und immer weitergetragen wird, warum und wie es funktioniert, warum es eigentlich keine Konsequenzen gibt. Was aber, wenn Sie das nicht tun? – Nichts.

Man(n) hält so große Stücke auf Sie, dass es eigentlich vollkommen egal ist, ob Sie sich Ihres „Fehlers“ bewusst werden. Ihren Stangenhaltern* ist all dies vermutlich ebenfalls gleichgültig, weil sie das Problem nicht sehen (wollen), sondern selbst weitertragen. Und so wird dieses Rad sich weiterdrehen und noch viel Wasser den Inn hinunterfließen bis sich etwas ändert.

Mittlerweile habe ich die Petition übrigens unterschrieben, die sich um Ihren Rücktritt bemüht. Weil all das nicht sein darf, weil ich das nicht will, weil ich Ihnen und allen, die dazugehören, nicht einfach das Feld räumen werde. Treten Sie im Namen aller Frauen* zurück.

Rebellische Plaudertasche mit stylischer Nerd Brille. Einzige Tirolerin, die nicht Skifahren kann. Vegetarische Schweineliebhaberin, große Schwester und Feministin.

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