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Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung – Die Hürden und Hilfen

Als junger Zivildiener erkannte Wilfred Weber seine Fähigkeiten für die soziale Arbeit. Heute arbeitet er bereits 15 Jahre in der Lebenshilfe und ist derzeit der Leiter der Werkstätte 2 in Linz. Er spricht mit Klammerauf über die Einrichtung und das Thema Arbeitsleben mit Behinderung.

Rund 14 Prozent der österreichischen Bevölkerung leben mit einer Behinderung. Weltweit gesehen wohnen in jedem dritten Haushalt Menschen mit Behinderung. Menschen mit Behinderung suchen rund 359 Tage nach einem Job. Somit sind sie also im Schnitt 100 Tage länger arbeitslos als eine nichtbehinderte Person.  Nach Wilfred Weber hat nicht jede behinderte Person die Fähigkeiten und die benötigte Selbständigkeit, ohne die Hilfe von Betreuer*innen in einem Unternehmen arbeiten zu können. Für diese Fälle gibt es Einrichtungen wie die Lebenshilfe, die diesen Menschen die Möglichkeit bietet in einem geeigneten Rahmen zu arbeiten.

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© Pikisuperstar/ Pch-vector – Freepik.com; Bildbearbeitung: Marita Schmied

Angebot der Lebenshilfe

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© Pikisuperstar/ Stories – Freepik.com; Bildbearbeitung: Marita Schmied

Die Werkstätte 2 in Linz ist eine „fähigkeitsorientierte Aktivität“ und bietet Menschen mit Behinderung die Möglichkeit selbständig zu arbeiten. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten, Interessen und dem benötigten Betreuungsbedarf wird die Arbeit ihren Bedürfnissen angepasst. Um den Betreuungsbedarf der Personen mit Behinderung zu ermitteln, wird ein ein*e fremde*r Bedarfskoordinator*in von der Sozialabteilung des Landes hinzugezogen. Mithilfe eines Fragebogens wird somit ein Betreuungsbedarf erhoben.

Herr Weber erklärt in unserem Interview, dass es für die Koordinator*innen die die Menschen mit Behinderung nicht persönlich kennen, sehr schwer ist den Betreuungsbedarf einzuschätzen. Um dieses Verfahren zu erleichtern, ist immer eine Begleitperson bei dem Gespräch dabei, um den Menschen mit Behinderung zu helfen, den Fragebogen realitätsgetreu auszufüllen. Denn sie überschätzen oder unterschätzen in ihren Fähigkeiten und ihrer Selbständigkeit oft. Mit dem eruierten Betreuungsschlüssel, der dabei herauskommt, sieht man wie viel Betreuung die Menschen ungefähr für die Arbeit benötigen.

In ihrer Werkstätte arbeiten Menschen mit Behinderung, die in die Skala 1-6 des Betreuungschlüssel hineinfallen. Bei dem Betreuungsschlüssel 1:1 ist die volle Betreuung mit einem*r eigenen Betreuer*in gemeint und bei 1:6 kümmert sich eine*n Betreuer*in um sechs Personen. In der Werkstätte haben die Menschen mit Behinderung immer mehrere Betreuer*innen zur Verfügung. Sie erledigen in einem geschützten Rahmen gemeinsam mit den Betreuer*innen Arbeiten und Aufträge wie zum Beispiel Geschenkkörbe zusammenstellen, Verpackungsarbeiten oder Etikettieren von Produkten.

Zusammenarbeit mit engagierten Unternehmen

Wenn ein Mensch mit Behinderung in der Werkstätte 2 über der Zahl 6 für den Betreuungsschlüssel ist, gibt es durch ihre Einrichtung die Möglichkeit in einem Unternehmen arbeiten. Dabei ist wieder ein*e Betreuer*in vor Ort dabei, der*die die Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigung, die dort arbeitet, betreut. Das Unternehmen Schachermeyr in Linz ist ein Beispiel für eine langjährige Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Werkstätte 2.

Wichtig für die betreute Arbeit in einem Unternehmen sind klare, einfache Strukturierungen und die ausreichende Bereitstellung von Hilfen, welche die Arbeit erleichtern und vereinfachen. Zudem helfen die Betreuer*innen selbst bei der Arbeit mit und kontrollieren das Ergebnis auf Fehler. Hilfestellungen können ganz einfach Hilfen zum Abzählen von Einzelteilen sein oder Listen zum Abhaken der Arbeitsschritte. Diese Hilfestellungen helfen den Betreuer*innen im Nachhinein ebenfalls zur Kontrolle. Diese Fehlerkontrolle ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Betreuung. Denn das Erkennen eines Fehlers erfordert eine sehr gute kognitive Leistung und das fällt den Menschen mit Behinderung oft schwer. Es ist aber auch möglich für Menschen, die nicht jeden Tag in dem Unternehmen mitarbeiten können, individuell angepasste Arbeitszeiten oder einzelne Schnuppertage einzurichten. Somit sind sie an der Arbeit im Unternehmen beteiligt, aber werden durch das tägliche Arbeiten nicht überlastet.

Eigenes Dienstverhältnis als Idealfall

Der Idealfall wäre laut Herrn Weber, dass jemand selbständig und ohne Betreuung in einem Unternehmen arbeiten kann und ein eigenes Dienstverhältnis mit einem Unternehmen hat. Das Team der Einrichtung hilft in diesen Fällen den Kontakt zwischen Unternehmen und der arbeitssuchenden Person zu vermitteln. Sie besuchen gemeinsam mit dem*der Arbeitssuchenden das Unternehmen, um herauszufinden, ob die Arbeit den vorhandenen Fähigkeiten entspricht. Wenn die Arbeitsstelle angenommen wird, wird die Person weiterhin noch begleitet.

Soziales Engagement zeigen

Veränderungen und besonders Neues sind oft anfangs schwierig für Menschen mit Behinderung. Deshalb ist es hilfreich, wenn sich ein*e Mitarbeiter*in des Unternehmens findet, die selbständig soziales Engagement zeigt. Jemand der sich etwas Zeit nimmt und der Person mit Behinderung dort hilft, wo Bedarf da ist. Doch es ist oft eine große Angst oder Ungewissheit da, seitens der Mitarbeiter*innen aber auch der Unternehmen selbst. Zudem wissen viele nicht, wie sie mit Menschen mit Behinderung umgehen und meiden deshalb den Kontakt.

Es ist oft so, dass Menschen mit Behinderung alleine sind. Denn sie suchen von sich aus keinem Kontakt oder haben Probleme mit der Kontaktaufnahme. Deshalb ist es gut, wenn jemand da ist, der sich um die Person kümmert und sie so nicht vereinsamen.

Mehr schlechte als gute Folgen durch gesetzliche Vorschriften?

Der Kündigungsschutz durch das österreichische Diskriminierungsverbot des Behinderteneinstellungsgesetzes schreckt zusätzlich viele Unternehmen ab, Menschen mit Behinderung einzustellen. Sie gehen damit viele gesetzliche Verpflichtungen ein. Obwohl Unternehmen ab einer Angestelltenanzahl von 25 verpflichtet wären, eine begünstigte*n behinderte*n Arbeitnehmer*in anzustellen, entscheiden sich fast achtzig Prozent der Unternehmen dafür, die Ausgleichstaxe für die nicht erreichte „Pflichtzahl“ zu zahlen. Das Angebot der Lebenshilfe für die betreute Arbeit in einem Unternehmen zählt in dieser Statistik nicht mit. Denn gibt es keinen Dienstvertrag zwischen den Beschäftigten und dem Unternehmen gibt. Somit „hilft“ diese Kooperation dem Unternehmen nicht diese „Pflichtzahl“ zu erreichen. Herr Weber ist sich selbst nicht sicher, ob der Diskriminierungsschutz und die Ausgleichstaxe wirklich helfen das Problem zu bekämpfen. Er glaubt, dass dadurch die Hemmungen seitens der Unternehmen verstärkt werden.

Kaum Verbesserungen sichtbar

Laut Weber spielen die Medien eine wichtige Rolle in der Aufklärung und Annäherung zum Thema Behinderung. Auch der ORF veröffentlichte einen Beitrag über das Angebot der Lebenshilfe. Eine positive Entwicklung, dass Mitarbeiter*innen oder Unternehmen mehr soziales Engagement zeigen und die Kooperationen mit der Lebenshilfe und der Werkstätte 2 mehr werden würden in den letzten Jahren sieht Herr Weber nicht, sagt er in unserem Interview.

Wäre unsere Einrichtung mit unseren Angeboten bekannter, dann bin ich mir sicher, dass wir mehr Kooperationsangebote von Unternehmen und Privatpersonen bekämen. Medien wie der ORF helfen uns dabei verschiedene Menschen damit zu erreichen.

Zur Seite der Lebenshilfe und der Werkstätte 2 kommst du unter:

Lebenshilfe Österreich

Werkstätte Linz 2

 

Leidenschaftliche Hobbybäckerin, die mit ihrer Begeisterung für Kunst alle Museen unsicher macht. Naturliebhaberin, ihre eigenen Pflanzen müssen aber regelmäßig um ihr Leben kämpfen. Entspannt und ruhig, solange ihre Kaffeesucht gestillt ist.

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