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Behindertenarbeit: Freude, trotz Niedriglohn – eine Auszubildende erzählt

Fachkräftemangel und schlechte Bezahlung – diese Probleme im sozialen Arbeitsbereich sind kein Geheimnis. Wie anspruchsvoll, aber auch spannend die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen sein kann, erfahrt ihr in diesem Interview.

Soziales Arbeiten – das ist etwas, was sich viele Österreicher*innen abseits des Zivildienstes nicht vorstellen können. Die Folgen der Unbeliebtheit spürt man am stärksten in sozialen Einrichtungen, welche händeringend nach Fachkräften suchen. Lena, die sich gerade in der Ausbildung zur Fachsozialbetreuerin im Bereich Behindertenarbeit befindet, erzählt, warum sich das Arbeiten im sozialen Bereich dennoch lohnt.

Klammerauf: Soziale Berufe sind für ihre schlechte Bezahlung bekannt. Wie sehen die Rahmenbedingungen in deiner Ausbildung konkret aus?

Lena: Es handelt sich um eine private Ausbildung, ich bezahle 150 Euro im Monat. Dafür werden einige Kosten, für Ausflüge oder Schulbücher, übernommen. Eine staatliche Alternative gibt es derzeit nicht, dies soll sich angesichts des akuten Fachkräftemangels jedoch bald ändern. Von meinem Praktikumsbetrieb, in dem ich Kinder mit Behinderungen unterstütze, bekomme ich eine kleine Vergütung, das ist je nach Einrichtung, aber eher eine Seltenheit.

Klammerauf: Woran liegt die geringe Bezahlung in sozialen Einrichtungen?

Lena: Mein Betrieb wird, wie viele andere auch, nur durch Spenden finanziert. Dementsprechend wundert es mich nicht, dass nicht allzu viel Geld für die Bezahlung übrigbleibt.

Klammerauf: Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was gefällt dir an deinem Beruf?

Lena: Ich unterstütze die Kinder bei der Pflege (Waschen, Anziehen usw.) Dabei ist es wichtig individuell auf das Kind einzugehen. Manche brauchen mehr Förderung als andere, das kommt auf die Behinderung und schlichtweg den Charakter des Kindes an.

An sich ist die Arbeit sehr abwechslungsreich. Man arbeitet im Team zusammen und ist deswegen ständig im Austausch mit anderen. Vor allem bei der Arbeit mit Kindern und Menschen mit Behinderung ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein. Man muss sich immer wieder die Frage zu stellen, was man selbst verbessern kann, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht. Diese Selbstreflexion kann Spaß machen, wenn man dann die eigenen Fortschritte sieht. Man lernt auch unglaublich viel über sich selbst.

Klammerauf: Gibt es emotionale Herausforderungen?

Lena: Sozialarbeiter*innen sind natürlich auch ihrer eigenen Erziehung geprägt. Wenn diese sehr gut war, möchte man oftmals ähnliche Erziehungsmethoden ergreifen. Dabei gerät man manchmal auch an seine Grenzen und stellt dann fest, dass nicht alle Maßnahmen gleich gut funktionieren. Die Kommunikation mit Non-Verbalen-Kindern kann zum Beispiel sehr schwierig sein. Da ist es nicht so leicht, sich in die Person hineinzuversetzen und zu wissen, was in ihr vorgeht.

Klammerauf: In unserer Gesellschaft scheint Behinderung noch immer ein Tabuthema zu sein, etwas mit dem die meisten Nicht-Behinderte-Menschen im Alltag nicht in Berührung kommen. Wie hat sich dein Umgang persönlich mit dem Thema seit Beginn deiner Ausbildung geändert?

Lena: Ich glaube, Berührungsängste hat jeder. Menschen mit Behinderung kommen im Alltag einer Nicht-Behinderten-Person in der Regel nicht vor. Dann gibt es ein paar Filme und Dokumentationen, in denen behinderte Personen zwar repräsentiert werden, diese reproduzieren oftmals aber nur Klischees. Autismus zum Beispiel, bedeutet nicht in allen Fällen ein „Super-Brain“ à la Sheldon Cooper zu sein. Vielmehr spricht man hier von einem Spektrum, die Auswirkungen können in ganz unterschiedliche Richtungen gehen.

Daher ist es eigentlich normal, dass Nicht-Behinderte-Menschen erst einmal nicht genau wissen, wie sie mit behinderten Menschen am besten umgehen sollen. Hilfreich ist dabei vielleicht, sich eines vor Augen zu führen: Ob man mit einem Kind, oder einer Person zurechtkommt, hängt nicht davon ab, ob eine Behinderung vorliegt oder nicht. Das hat vielmehr mit dem individuellen Charakter zu tun. Die Arbeit mit Menschen ohne Behinderung kann dementsprechend genauso schwierig sein. Der Unterschied ist lediglich, dass es mehr Förderung und Pflege bedarf.

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© Olena Yakobchuk

Klammerauf: Wie könnte man, deiner Meinung nach, den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen  Mit Behinderungen verbessern?

Lena: Generell Inklusion! Es gibt zwar Tagesstätten und Schulen für Menschen mit Behinderung. Ein Problem ist aber, dass diese sich meist nicht in den Zentren der Städte befinden. Es bleibt das Gefühl, dass die Menschen ausgelagert werden. Deswegen sollten die bestehenden Ressourcen im Zentrum der Stadt genutzt werden und dort aktiv mehr inkludiert werden. Also konkret: Die Schulen und Betriebe durchmischen, dann kommen wir alle zusammen vielleicht besser zurecht.

Klammerauf: Sollten soziale Berufe im Bereich Behinderung stärker gefördert werden?

Lena: Ja! Ausbildungen in dieser Richtung müssen attraktiver gestaltet werden. Eines der größten Probleme ist, dass der soziale Arbeitsbereich nicht gefördert wird, obwohl es einen großen Fachkräftemangel gibt. Staatlich werden Einrichtungen sowieso selten gefördert. Die Finanzierung funktioniert eher über kirchliche Träger, wie die Caritas, oder eben über Spenden. Natürlich kann sich auch nicht jeder eine solche Ausbildung leisten. Und selbst wenn, ist die eigene Lebensgestaltung dann auch schwierig. Viele meiner Mitschüler*innen können beispielsweise nicht von zu Hause ausziehen, das wäre schlichtweg zu teuer. Ich hoffe, dass sich in diese Richtung bald etwas ändern wird. Schließlich kann jeder von Behinderungen sein und muss dann Pflege und Förderung in Anspruch nehmen.

Klammerauf: Danke, liebe Lena für das Interview!

Numerus-Clausus-Flüchtling aus Bayern und ein Anti Talent in Mathe. Die Chaosqueen liebt Konzerte und vor allem die Moshpits dabei. Für einen Kleiderschrank hat sie weder Platz noch Verwendung, da sie täglich lieber Pflanzen mit nach Hause bringt. Mit einer Kenntnis von drei Liedern auf der Ukulele ist sie musikalisch äußerst begabt.

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