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Corona und die neuen Herausforderungen im Sozialbereich

Richard S. ist Betreuer in einer WG in Wien für Menschen mit Behinderungen. Mit Klammerauf spricht er über den neuen Alltag in der Krise, die unsichtbaren Gefahren des Corona Virus und die Tollpatschigkeit des ORF. 

In den Medien hört man von zu wenig Desinfektionsmittel, Kontaktverboten in den Altersheimen und geschlossenen Schulen. Die Schutzkleidung ist knapp und die meisten Menschen arbeiten von Zuhause aus. Wie geht es eigentlich den Menschen die gerade nicht im Home-Office sein können und jeden Tag mit Menschen in Kontakt treten? Um sich dieser Frage anzunähern hat Klammerauf mit Richard S. gesprochen, der in einer WG für Menschen mit Behinderungen als Betreuer arbeitet. Viele seiner Klient*innen gehören der Risikogruppe an – und Corona bringt viele neue Herausforderungen für den Alltag.

 

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Klammerauf: Wie geht es euch in der WG? Ist die Arbeit gerade sehr stressig?

Richard: Es geht eigentlich. Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt. Für eine Krisensituation kommen wir überraschend gut zurecht. Wir sind aber auch ein sehr gut besetztes Team – in anderen WGs sieht es bestimmt ganz anders aus.

Klammerauf: War das Covid-19 Virus schon ein Thema bei euch, bevor es zu den strikten Maßnahmen kam?

Richard: Als die ersten strikten Maßnahmen kamen, war ich gerade auf Urlaub. Deswegen kann ich nicht sagen, wie die Maßnahmen von den Klient*innen aufgenommen wurden und ob manche schon vorher etwas darüber wussten. Aber als ich wieder in die Arbeit kam, haben mich die ganzen E-mails erst mal schon überfordert.

Klammerauf: Wieso das?

Richard: Es waren sehr viele Informationen und es war stressig für mich, alle durchzuarbeiten und die wichtigen herauszufiltern. Außerdem hat sich alles immer wieder so schnell verändert. Man hat eine Informationen bekommen, die dann gleich wieder durch eine Neue ersetzt wurde.

Klammerauf: Wie war die Zusammenarbeit zwischen Regierung und dem Verein?

Richard: Welche genauen Informationen die Vereinsleiter*innen bekommen haben, weiß ich nicht. Wir haben Anweisungen und Informationen dann intern von unserer Leitung bekommen. Aber in der ersten Woche war alles sehr unklar. Viele Informationen haben wir auch den Medien entnommen. Jedoch blieben viele Fragen offen. Am meisten beschäftigte mich die Frage, welche Schritte bei einem Verdachtsfall unternommen werden müssen. Vom Verein haben wir die Anweisung bekommen, bei einem Verdachtsfall so lange in der WG zu bleiben, bis jemand zum Testen kommt und auf die Anweisungen der Behörden zu warten. Mein Horrorszenario war es, nicht mehr nach Hause zu dürfen. 

Klammerauf: Was hättet ihr von der Regierung gebraucht und die Situation besser zu überstehen? Was braucht ihr immer noch?

Richard: Ich hätte mir einen Leitfaden mit detaillierten Anweisungen gewünscht, indem steht was bei einem Verdachtsfall zu tun ist. Das wollte ich auch nicht vom Verein, sondern von der Regierung – eine Art Zusicherung quasi. Eine Zusicherung dafür, dass ein Verdachtsfall in einer WG auch vorrangig behandelt wird und dann auch ein Test zur Verfügung ist. Ich hätte gerne Antworten auf wichtige Fragen gehabt: Worauf muss ich mich bei einem Verdachtsfall einstellen? Muss ich in der WG bleiben bis der Testbescheid kommt? Ich hätte auch gerne gewusst, was mit dem/der betroffenen Klient*in passiert. Ein klarer Fahrplan wäre toll gewesen, eine Sicherheit für uns Betreuer*innen.

Klammerauf: Wie habt ihr die bekommenen Informationen umgesetzt? Wie sieht dein neuer Alltag aus?

Richard: Wir achten jetzt noch mehr auf Hygienemaßnahmen. Vor allem, bei den Intensivklient*innen. Im neuen Alltag ist auch das Aufarbeiten des Themas wichtig geworden. Mit den selbstständigeren Klient*innen geht das ganz gut. Wir können ihnen erklären, auf was sie achten sollen. Bei den Intensivklient*innen ist das eben nicht so möglich. Ich wüsste gar nicht richtig, wie ich ihnen die Situation erklären könnte.

Klammerauf: Wie geht ihr intern mit der Situation um?

Richard: Intern wurden wir an allen Ecken und Enden gut unterstützt. Wir haben Betreuer*inenn aus den Werkstätten bekommen. Das war für uns eine große Unterstützung, worüber ich sehr froh bin. Als die Maskenpflicht kam, fingen Nähwerkstätten und unsere Näherin gleich damit an, Stoffmasken für uns zu nähen. Das fand ich auch wirklich toll.

Klammerauf: Wie sieht es generell mit Schutzkleidung aus? Müsst ihr beim Arbeiten Masken tragen?

Richard: In der Arbeit tragen wir keine Masken. Trotzdem wird versucht, für alle Betreuer*innen zwei Stoffmasken zu nähen. Vor eineinhalb Wochen haben wir viel Schutzkleidung bekommen. Von Schutzmasken bis zu Schutzmänteln war wirklich alles dabei.

Klammerauf: Erst vor einer Woche?

Richard: Ja seit eineinhalb Wochen etwa. Das ist fast schon spät. Der Verein war von Anfang an dahinter gewesen, etwas aufzutreiben, aber es war einfach nichts da. Unsere Einrichtung ist ja auch nicht vorrangig.

Klammerauf: Wie geht es euren Klient*innen? Ist eine Anspannung spürbar?

Richard: Man kann nicht sagen, es ist alles wie immer. Die Klient*innen sind jetzt den ganzen Tag zu Hause und können nicht raus gehen. Ich merke auch, sie brauchen jetzt viel mehr Aufmerksamkeit. Das ist manchmal schon recht anstrengend für mich, aber im Großen und Ganzen bin ich extrem beeindruckt von unseren Klient*innen – sie gehen die Situation sehr gut um. Hin und wieder gibt es schon auch Wutausbrüche, aber es hält sich in Grenzen. Ich kann nicht sagen, woran das liegt, aber ich denke, dass auch die Klient*innen spüren, dass es gerade eine besondere Situation ist.

Klammerauf: Würdest du eure Klient*innen als Risikogruppe einstufen? Hattet ihr einen Verdachtsfall?

Richard: Ja auf jeden Fall. Nicht alle gehören zur Risikogruppe, aber viele. Wir hatten ziemlich früh einen Verdachtsfall. Der war glücklicherweise aber negativ. 

Klammerauf: Wie geht ihr mit den Ausgangsbeschränkungen um?

Richard: Bei uns gibt es die Regel, dass grundsätzlich alle daheim bleiben sollen. Falls doch einmal jemand raus muss, zum Beispiel um einkaufen zu gehen, sollen sie uns vorher Bescheid geben. Aber das macht derzeit sowieso kaum noch jemand von den Klient*innen selbst. Worüber ich mir aber mehr Sorgen mache ist die Vereinsamung, die im Raum steht. Vor allem bei Klient*innen, die in  Trainingswohnungen leben. Das ist gerade großes Thema bei uns. Wir haben zum Glück ein großes Grundstück, das räumlich in zwei Hälften geteilt ist. Das macht es möglich, Kaffee über den Zaun anzubieten und die Intensivklient*innen trotzdem von den selbständigeren Klient*innen zu trennen. So gibt es wenigstens auf diese Art und Weise einen sozialen Kontakt.

Klammerauf: Siehst du sonst noch Risiken, die nichts direkt mit Covid-19 zu tun haben?

Richard: Was ich schwierig finde, sind die Arztgeschichten, die jetzt auf der Strecke bleiben. Viele dringende Arztbesuche müssen verschoben werden.  Manche davon wären sehr wichtige Sachen, wie zum Beispiel der Termin beim Psychiater. Die Gefahr der Vereinsamung finde ich groß. Und der Umgang mit Aggressionen ist bei uns ein Thema.  Auch Freizeitangebote sind in unserer WG im Normalfall ein wichtiger Fixpunkt, der jetzt ausfällt.

Klammerauf: Hat sich dein persönliches Nähe- Distanz- Verhalten zu den Klient*innen bewusst oder unbewusst verändert?

Richard: Ich denke nicht. Bei den Intensivklient*innen wäre es auch sehr schwierig, Distanz zu halten. Viele Hygienetätigkeiten und medizinische Angelegenheiten könnten nicht aus einem Meter Entfernung erledigt werden. Bei den selbstständigeren Klient*innen aus den Trainingswohnungen ist das leichter. Da ist schon die Türschwelle die neue Grenze.

Klammerauf: Wie hast du die Berichterstattung der Medien über die Corona- Krise wahrgenommen?

Richard: Von Menschen mit Beeinträchtigungen ist in den Medien nichts zu hören. Die existieren medial einfach nicht. Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen tragen natürlich einen sehr großen Teil zur Aufrechterhaltung des Systems bei. Aber diese Berufsgruppen sind auch einfacher präsenter, weil jeder von uns einen alten oder kranken Menschen kennt. Beinahe jede*r hat eine Oma oder einen Opa im Altenheim. Bei Menschen mit Behinderung ist das eben nicht so. Ich finde, das sind wirklich immer Randgruppen. Ich möchte auch noch darauf eingehen, wie der ORF die Corona Berichterstattung gestaltet hat, da ich es richtig schlimm fand. Die Sondersendungen zu Corona wurden in den ersten Wochen ohne Übersetzung in Gebärdensprache gesendet. Der ORF hat zwar einen eigenen Kanal, auf dem die ZIB in der Gebärdensprache läuft. Aber der Hinweis, wie und wo dieser Sender zu finden ist, wurde nur gesagt. Für Gehörlose, die nicht Lippen lesen können, ist das natürlich nutzlos. Ich finde es nicht in Ordnung, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender so eine Diskriminierung zulässt. In Amerika und Australien ist es gang und gäbe, dass bei Risikogesprächen immer Gebärdenübersetzer dabei sind. Ich glaube auch hier hätte es keinem weh getan, ein kleines Fenster mit Übersetzer*in einzublenden.

Klammerauf: Was wünschst du dir für die Zeit nach der Krise?

Richard: Ich würde mir sehr wünschen, dass der Sozialbereich durch die Krise mehr Aufwertung bekommt und auch wieder mehr Geld in den Sozialbereich fließt. Gerade dieser Bereich wurde immer zu Tode gespart und jetzt sind gerade die Menschen im Sozialbereich unsere Retter*innen. Ich würde mir auch von der Regierung wünschen, dass das nach der Krise nicht gleich wieder vergessen wird. Dasselbe wünsche ich mir auch für alle Kassierer*innen und alle anderen, die gerade dabei helfen, das System aufrecht zu erhalten. In diese Bereiche sollte nach der Krise mehr Geld und Wertschätzung fließen. Die momentane Anerkennung sollte bestehen bleiben und nicht wieder vergessen werden. Diesen Wunsch möchte ich vor allem an unserer Regierung richten!

Weitere Informationen findest du unter:

Liste von Vereinen und Organisationen für Menschen mit Behinderungen

Anwalt für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderung

Abenteuerliche Klimaschützerin, die gern Sport betreibt und Bücher schreibt. Meistens mit Schlafsack unterwegs, wenn sie nicht im Bett mit ihrer Katze kuschelt. Zerreißt sich vor zu vielen Hobbys und wünscht sich einen Hund in ihrem Leben.

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