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#1 Freiheit: Leben nach dem Gefängnis

Nach der Freude über die Entlassung folgt für viele ehemalige Häftlinge die bittere Realität. Viele haben keine Familie oder ein Zuhause, in das sie zurückkehren können. Walter (69), ein ehemaliger Strafgefangener erzählt über sein Leben im Gefängnis und wie es ihm seit der Haftentlassung ergangen ist.

Walter (Anm.: Name von der Redaktion geändert) trifft sich mit Klammerauf zu einem Gespräch in der Küche des Wohnheims, in dem er lebt. Walter entspricht nicht dem Klischee, das manche vielleicht im Kopf haben, wenn sie an einen ehemaligen Häftling denken. Er wirkt ruhig, gelassen und auch nachdenklich.

Klammerauf:  Wie lange waren Sie im Gefängnis?

Walter: Ich war 4,5 Jahre im Gefängnis. Davon war ich ein Jahr im Landesgericht, in der Justizanstalt Josefstadt. Die restlichen Jahre war ich in Simmering.

Klammerauf: Warum waren Sie im Gefängnis?

Ich wurde verurteilt wegen schweren gewerbsmäßigen Diebstahls, erstmalig aber trotzdem für 4,5 Jahre. Zuvor war ich diplomierter Krankenpfleger und arbeitete mit Patient*innen, in der Privatklinik Döbling. Die Patienten hatten oft viel Geld mit, was es verlockender machte etwas davon zu nehmen und ich habe mehrfach Geld aus ihren Brieftaschen gestohlen. Als alles herauskam, habe ich sofort die fristlose Kündigung bekommen und wurde verhaftet.

Klammerauf: Finden Sie, dass das Gefängnis die Resozialisierungsfunktion erfüllt, die es haben sollte?

Walter: Überhaupt nicht. Die Sozialarbeiter*innen im Gefängnis machen zwar ihren Job, und es ist schön und gut, wenn man jemanden zum Reden hat, aber finanzielle Hilfe gibt es nirgends. Außer wenn man entlassen wird, bekommt man sein Entlassungsgeld, das war bei mir eigentlich gar nicht so wenig, ich habe 6500€ bekommen.

Klammerauf: Weil Sie im Gefängnis gearbeitet haben?

Walter: Genau, man kann die Hälfte im Gefängnis verbrauchen und die andere Hälfte wird auf Rücklage gelegt. Das bekommt man, wenn man nach Hause geht.

Klammerauf: Was waren für Sie die größten Hürden nach der Haftentlassung?

Walter: Naja, alles war weg. Die Wohnung, die Papiere, die Lebensgefährtin. Es war ein Start von Null weg. Die erste Zeit habe ich dann in einem Hotel gewohnt, für 30€ pro Nacht, was nicht wenig ist. Dann habe ich durch den Verein Neustart das Zimmer hier bekommen. Perfekt ist es nicht, aber ich bin froh, dass ich es habe. Am Anfang wohnte ich mit zwei Leuten zusammen, da kommt dann einer um 2 Uhr früh heim, der andere um 3.

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Einzelzimmer im Wohnheim Mariahilf © Verein für Integrationshilfe

Klammerauf: Wie lange wohnen Sie schon hier im Wohnheim Mariahilf?

Walter: Ich wohne schon seit 2,5 Jahren hier.

Klammerauf: Was sind die größten Schwierigkeiten für Sie bei der Wohnungssuche?

Walter: Finanziell ist es sehr schwierig. Ich bekomme zurzeit nur die Mindestsicherung, das sind 890€ im Monat. Daher kann ich mir nicht mehr als 500€ Miete leisten.

Klammerauf: Aber sind Sie nicht schon in Pension?

Walter: Ja, schon, aber es ist noch nicht alles geregelt. Den Bescheid bekomme ich innerhalb des nächsten Jahres. Dann bekomme ich auch mehr Geld, 1200€ im Monat. Momentan bekomme ich die Mindestsicherung, das heißt ich bekomme einen Teil vom Sozialamt und die Notstandshilfe vom AMS.

Klammerauf: Wie reagieren andere Personen darauf, wenn Sie erzählen, dass sie im Gefängnis waren? Haben Sie schon negative Erfahrungen gemacht?

Walter: Ich habe schon negative Erfahrungen gemacht, auch mit Ämtern. Als ich beim AMS war, war im ersten Moment alles gut, aber als sie erfahren haben, dass ich im Gefängnis war, merkte man wie die Stimmung kippt. Aber ja, was mir zusteht bekomme ich.

Klammerauf: Haben Sie eine Familie?

Walter: Ich habe einen älteren Bruder in Wien, aber wir haben kein gutes Verhältnis. Speziell seit der Haft will er nichts mehr von mir wissen. Aber ich habe ein paar Freunde, mit denen ich mich gut verstehe.

Klammerauf: Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?

Walter: Um 10 Uhr müssen wir hinaus gehen, ab 12 kann man wieder hereinkommen. Dann koche ich mir etwas und esse. Danach gehe ich meistens eine Runde spazieren. Ich lese auch gerne und spiele Tischtennis. Am Abend gehe ich ab und zu auf ein Bier. Sehr viel unternehmen kann ich nicht, da ich es mir nicht leisten kann. Aber im Großen und Ganzen komme ich gut über die Runden.

Klammerauf: Finden Sie das österreichische Strafsystem gerecht?

Walter: Nein, überhaupt nicht. Je mehr Geld man hat, desto leichter hat man es. Gewisse Politiker, die Millionen veruntreut haben, kommen nur 6 Monate in Haft. Ich wurde erstmalig verurteilt und kam 4,5 Jahre in Haft. Auch im Gefängnis werden Prominente anders behandelt, bekommen zum Beispiel eine Einzelzelle. In Simmering waren wir zu fünft in einer Zelle. Ich mit 4 Drogenabhängigen und ich habe mit Drogen nichts am Hut.

Klammerauf: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Walter: Nichts Besonderes. Eine eigene Wohnung. Dass ich meine Hobbies weiter ausüben kann, Tischtennis spielen geht ja gerade nicht.

(Walter erzählte mir vor dem Interview, dass er sich den Arm verletzt hat.) Normalerweise bin ich ein sehr guter Tischtennisspieler und habe auch schon einige Pokale gewonnen.

Klammerauf: Vielen Dank für das Gespräch, es hat mich sehr gefreut, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Im zweiten Teil der Interviewreihe Der Weg zurück in die Freiheit: Leben nach dem Gefängnis spricht Klammerauf mit Andreas (44), der ebenfalls in Haft war und mit uns seine persönlichen Erfahrungen teilt. 

Weitere Informationen

Der Verein für Integrationshilfe betreibt unter anderem das Wohnheim Mariahilf. Hier können Menschen, die nach der Haft keine andere Wohnmöglichkeit haben für eine geringe Miete unterkommen. Im Durchschnitt bleiben die Menschen 7 Monate.

Wollte Tierärztin werden. Ist es zwar nicht geworden, aber hat jetzt dafür 3 Katzen. Liebt süße Weinspritzer, hasst weich gekochte Karotten.

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