1-e1615385220957.png?fit=2134%2C902&ssl=1

Die Schutzzone – eine Verdrängung und Verlagerung von Problemen

Vom Problempark zur Wohlfühlzone – Wie die Schutzzone dem Hessenpark wieder neues Leben schenkt und gleichzeitig mehr Probleme schafft, als sie löst. Um zu erfahren, welche Alternativen es gibt, hat Klammerauf mit Tamina, einer Sozialarbeiterin des Vereins B37, gesprochen.

 

Hessenpark-scaled-e1610975108446-225x300.jpg?resize=463%2C618&ssl=1

Neptumbrunnen im Hessepark © Laura Maria Nußbaumer

Linz. Hessenpark, ein kleiner, offener Park, rundum einsehbar. In der Mitte des Parks zieht ein kunstvoll verzierter Brunnen alle Blicke auf sich. Im Sommer tummeln sich junge Familien am neu errichteten Spielplatz und genießen die kleine Grünoase inmitten der Stahlstadt. Doch das war nicht immer so. Noch vor drei Jahren war der Park mit dichten Büschen eingekreist, um die Sicht auf die umliegenden Straßen zu versperren. Der Park war gut besucht – jedoch war die Klientel ein anderes als heute, Familien traf man dort keine.

Aus den überfüllten Mülleimern ragten leere Weinflaschen, die Wege waren übersäht mit Zigarettenstummeln. Obdachlose, Drogen- und Alkoholkranke trafen sich täglich im Park, um dort den Tag gemeinsam zu verbringen, manchmal auch die Nacht. Die Meisten, die in der Landeshauptstadt aufwuchsen, wussten über den Hessenpark Bescheid. Möchte man in Linz die Mittagspause im Grünen verbringen, geht man einfach ein paar Extraschritte zum nächstgelegenen Park, den Hessenpark mied man dabei aber immer. In den Zeitungen las man regelmäßig über Razzien und Anrainerbeschwerden, der Park rückte immer weiter in den Fokus der Exekutive.

Der Stolz der Politik

Eine Schutzzone ist eine Verordnung, die verhängt wird, wenn Minderjährige an diesem Ort bedroht sind, mit gerichtlich strafbaren Handlungen in Berührung zu kommen. Das bedeutet nicht, dass Minderjährige direkt an illegalen Handlungen beteiligt sein müssen. Es genügt, wenn diese Gesetzesüberschreitungen in der Nähe eines Spielplatzes stattfinden. In den Schutzzonen darf die Polizei Platzverweise aussprechen und das Betreten der Schutzzone verbieten, wenn ihrer Meinung nach Gefahr von einer Person ausgeht.

2018 wurde der Park im Zuge einer riesigen Offensive der Politik mit anderen Plätzen der Stadt zur Schutzzone erklärt. Unzählige Büsche und Bäume mussten weichen, um der Polizei eine gute Sicht in den Park zu gewährleisten. Tafeln, die ein Alkoholverbot kennzeichnen, wurden an jedem Eingang errichtet, der alte, heruntergekommene Spielplatz wurde entfernt. Die Maßnahmen zeigten schon nach wenigen Wochen Wirkung, der Park sei wieder familienfreundlich,  freuten sich die verantwortlichen Politiker*innen und planten bereits die Erweiterung solcher Schutzzonen.

Doch es kam, wie die Kritiker*innen der Schutzzonen bereits vermutet haben. Die Menschen, die aus dem Hessenpark vertrieben wurden, verstreuten sich in der ganzen Innenstadt. Wie denn auch sonst? Man hatte sie ja nur vertrieben, helfen wollte ihnen niemand. Schnell wurden die Rufe der Anrainer*innen anderer Plätze lauter. Südbahnhofmarkt, Volksgarten und Schillerpark waren plötzlich die neuen Hotspots.

Die Bedürfnisse aller müssen berücksichtigt werden

Klar ziehen unsere Klient*innen weiter, wenn sie vertrieben werden, sie werden jedoch nie in die Randbezirke verschwinden, sie bleiben in der Innenstadt, brauchen die Infrastruktur, sagt Tamina M., eine Angestellte und ehemalige Obdachlosenstreetworkerin des Sozialvereins B37 in Linz. Es wurde auch über eine Ersatzfläche am Schlossberg diskutiert, spricht sie weiter, was prinzipiell eine interessante Alternative wäre, nur könne man den Leuten nicht vorschreiben wo sie sein dürfen und wo nicht.

„Mit den meisten Klient*innen kann man gut sprechen. Sie verstehen, dass es ums öffentliche Zusammenleben geht.“

Die Menschen verschwinden nicht einfach, nur weil man einen Platz zur Schutzzone erklärt. Auch die Bedürfnisse und Anliegen der Klient*innen müssen ernst genommen werden, so Tamina. Es brauche umsetzbare Ideen, um ein Zusammenleben zu ermöglichen. „Interdisziplinäre Sozialarbeit im öffentlichen Raum, kurz ISAR, leistet Gemeinwesenarbeit“, sagt die Sozialarbeiterin, „und vermittelt zwischen unserer Klientel, Anrainer*innen und Parkbetreibenden.“ Bei den monatlichen Treffen setzen sich Vertreter*innen all dieser Parteien zusammen und sprechen über die herrschenden Probleme und versuchen Kompromisse zu finden, die im Sinne aller Beteiligten sind.

Menschen helfen, anstatt sie zu verdrängen

Bei der Hilfe für Obdachlose und Süchtige gibt es in Österreich großen Aufholbedarf. Ein Konsumraum stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis, wäre jedoch ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Tamina. Die Süchtigen werden ihrem Bedürfnis nachgehen, ob sie einen Raum dafür haben oder nicht. Mit einem Konsumraum würde es zumindest halbwegs sicher gestaltet werden und hätte auch einen weiteren positiven Effekt. Je mehr Menschen diese Konsumräume nutzen würden, desto weniger Drogen würden in Parks oder auf öffentlichen Toiletten konsumiert werden. Auch bei den Unterkünften gebe es noch einigen Aufholbedarf, so die Sozialarbeiterin. „Es gibt viele Obdachlose, die keine Möglichkeit haben in den Notschlafstellen unterzukommen. Sei es wegen eines Hundes oder weil sie sozial nicht kompatibel sind, es sollte für jeden die Möglichkeit geben, sich an einem sicheren Ort in einem Bett auszuruhen.“ Unterkünfte ohne Regeln – sogenannte Non-Compliance-Zimmer sind in Österreich nach wie vor eine Seltenheit.

Schutzzonen verlagern, vertreiben. Was Obdachlose und Süchtige aber wirklich benötigen ist Hilfe. Diese Menschen sind Teil unserer Gesellschaft und müssen auch als solche behandelt werden. Während manche sich noch an die alte Verdrängungspolitik klammern, gibt es durchaus vielversprechende Projekte, wie ISAR oder OBST, die Hoffnung für die Zukunft geben.

David aus Linz braucht morgens sein Kippchen und Kaffe, da er gerne mal die Nacht zum Tag macht. Seine Klimatechniker-Karriere hat er aufgegeben mit dem Ziel nie wieder handwerklich arbeiten zu müssen. Dank Corona muss er nur jeden Donnerstag in die Hauptstadt pendeln. Mit chilliger Hip-Hop Musik in den Ohren skatet er durch die Straßen und gönnt sich am Ende des Tages ein fettes Mc Menü.

Post a Comment

You don't have permission to register