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Frisch gedumpstert – Die Mahlzeit aus dem Müll

Wien, 23 Uhr – in einem dunklen Hauseingang treffe ich auf Kurt. Der junge Mann verbringt seine Abende nicht selten damit in Mülltonnen zu tauchen und nach noch genießbaren Lebensmittel zu angeln. Heute nimmt er mich auf einen seiner Tauchgänge mit.

Leute wie Kurt (Anm.: Name wurde von der Redaktion geändert) gibt es viele – sogenannte Dumpsterdiver*innen. Ihr Ziel ist die Lebensmittelrettung. Mit einer Tragetasche ausgestattet schleichen sie sich abends in Müllräume großer Supermarktketten. Dort finden sie enorme Mengen an genießbarem Essen, das, wenn es nicht aus der Mülltonne gerettet werden würde, niemandem mehr zu Gute käme. Trotzdem bewegen sich Dumpsterdiver*innen in einer rechtlichen Grauzone, denn auch Müll gehört in den meisten Fällen jemanden. Kurt macht sich darüber aber nicht zu viele Gedanken, ihm ist es wichtiger Essen am Tisch zu haben.

Warum Dumpstern?

„Geld hatte ich nie besonders viel, deswegen habe ich zu Dumpstern begonnen“, erklärt er. Das sei aber nicht der einzige Grund dumpstern zu gehen. Wer Massentierhaltung nicht mit seinem Geld unterstützen will oder Kritik an der Wegwerfgesellschaft übt, ist oft auch offen für das Mülltonnentauchen. „Viele machen es auch aus antikapitalistischer Überzeugung.“, erklärt Kurt während er mit einem Schlüssel der MA48 den Müllraum öffnet. Woher er den hat, möchte er lieber nicht verraten.

Im Müllraum

Als wir den Müllraum betreten, ist das Licht bereits eingeschalten. Hinter einer Mülltonne blickt ein Mann hervor. Ganz offensichtlich ist er nicht darüber verwundert auf weitere Leute, mit dem gleichen Vorhaben, zu treffen. „In der anderen Tonne ist noch viel Gebäck und im Biomüll sind noch viele schöne Erdäpfel“, meint er lächelnd und verschwindet mit einem prall gefüllten Rucksack durch die Tür.

Kurt steuert sogleich auf die Biomülltonne zu ­­– Angst, dass nichts mehr übrig ist, hat er offensichtlich nicht. Ohne Handschuhe beginnt er die Tonne zu durchsuchen. Zimperlich solle man nicht sein und Hände könne man waschen, meint der Mülltonnentaucher. Zwischen ein paar verdorbenen Salatblättern kommen wahre Schätze zum Vorschein – von den versprochenen Erdäpfeln über Karotten bis hin zu noch nicht gereiften Mangos ist alles dabei. Kurz spült erst das Gemüse und das Obst ab und steckt es in seine Tasche, für eine gründliche Reinigung ist auch später noch Zeit. Motiviert aufgrund des guten Fundes macht er sich gleich auf, um sich in die nächste Mülltonne zu stürzen. Und sofort erfolgt das nächste Erfolgserlebnis. Im hintersten Winkel der Tonne erblickt er zwei Packungen Räucherlachs, Karamellsüßigkeiten und Smoothies. „Kurz vor und kurz nach den Feiertagen findet man immer das Beste! So ist’s auch beim Wochenende“, hört man ihn sagen, als er beinahe in der Tonne verschwindet.

Viele der entdeckten Lebensmittel haben das Mindesthaltbarkeitsdatum noch gar nicht überschritten. Es gibt einige Gründe, warum genießbare Lebensmittel im Müll landen – wie etwa Sortimentswechsel oder beschädigte Verpackungen. Zudem ist zu bedenken, dass es sich bei dem Mindesthaltbarkeitsdatum eben um ein Mindesthaltbarkeits- und nicht um ein Ablaufdatum handelt. Die Lebensmittelverschwendung ist unglaublich. Allein im Jahr 2013 sind im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel 109.700 Tonnen Lebensmittelabfall entstanden, wovon lediglich 0,12 Prozent an soziale Einrichtungen weitergegeben wurden. Der Rest landet in der Tonne. Doch Dumpsterdiver*innen sorgen dafür, dass Genießbares dort nur für eine kurze Besuchszeit verweilt.

Kurts Tasche ist nach kürzester Zeit voll mit unterschiedlichsten Lebensmitteln. Was in die Tasche kommt und was in der Tonne bleibt, das bestimmt er mit einem schnellen Geruchstest:

„Was gut riecht und gut aussieht, das schmeckt auch noch gut!“

Um zu vermeiden, dass die Sachen bei ihm Zuhause schlecht werden, wird er einen Teil davon einfrieren, der Rest wird bald verbraucht. Beim Kochen muss der Dumpsterdiver öfters kreativ werden, schließlich ist vorher ungewiss, was gefunden wird.

Mit der schweren Tasche um die Schulter verlässt Kurt den Müllraum. Zurück bleiben wesentlich mehr Lebensmittel, als Kurt tragen kann. Darunter frisches Brot, Obst und Gemüse, Kaffee, Süßigkeiten, Lachs und ein Backofenreiniger.

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© Amanda-Maria Einspieler

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Tipps zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen im eigenen Haushalt:

Amanda, kurz Amie, vor allem durch ausgefallenen Punk-Style und bunte Haare auffällig. Haarfarbe kein Erkennungsmerkmal – ändert sich monatlich je nach Stimmung. Lieber am Tattoo am rechten Arm orientieren. Lieblingsfarben Violett und Grün, für Austria-Rapid oft problematisch. Konzertfaible. Hasst falsche Entscheidungen, weshalb sie die Retour-Taste ihres PCs liebt. Also keine Entweder-Oder sondern nur Ja-Nein Fragen stellen. Herzerwärmend, offen, liebenswert.

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