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Gendersensible Pädagogik: Aufwachsen ohne Geschlechterklischees

Stereotype Rollenbilder prägen unseren Alltag und lassen sich überall finden. Vor allem im Umgang mit Kindern werden geschlechterspezifische Stereotype reproduziert und beeinflussen damit maßgeblich die Entwicklung von Kindern. In einem Interview erzählt Sina F., die Mutter von zwei Kindern ist, von dem Konzept der gendersensiblen Pädagogik. Sina gibt einen Einblick in den Familienalltag und beschreibt, wie ein Aufwachsen fernab von Geschlechterklischees aussehen kann.

Wir leben in einer Welt, in der Menschen in binäre Kategorien eingeteilt werden. Noch bevor wir das Licht der Welt erblicken, werden wir in Mädchen oder Bub unterteilt und erhalten somit die jeweilige soziale Zuschreibung. Diese Denkmuster und Rollenbilder sind tief verankert und strukturieren unseren Alltag. Sie zeigen uns, was es heißt weiblich oder männlich zu sein und geben klar vor, welche Fähigkeiten dem jeweiligen Geschlecht zustehen. Doch wie würden wir uns entwickeln, wenn wir die Möglichkeit hätten fernab von klassischen Geschlechterrollen aufzuwachsen? Als Individuen, die sich frei ausprobieren können, unabhängig davon, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen. Eine Antwort darauf bietet das Konzept der gendersensiblen Pädagogik. Klammerauf hat deshalb mit Sina. F. über den genderreflektierten Umgang mit den eigenen Kindern gesprochen. Sina begleitet nicht nur die eignen Kinder reflektiert durch das Leben, sondern gründete 2016 selbst einen Kinderladen in Berlin mit dem Schwerpunkt auf gendersensible Pädagogik.

Sina F. lebt mit ihrem Partner in Berlin und hat zwei Kinder. Das erstgeborene Kind heißt Mika und ist 6 Jahre alt, während das zweite Jane heißt und 3 Jahre alt ist. Schon als Kind hat Sina sich nie in dem klassischen Rollenbild des Mädchens wiedergefunden und daher früh angefangen Geschlechtlichkeit zu reflektieren. Damit stand von Anfang an fest, dass Sinas eigene Kinder nicht in starre Geschlechterrollen gedrängt werden sollen. „Sie sollen einfach dem folgen können, worauf sie Bock haben und nicht dem, was irgendwelche Erwachsenen ihnen vorgeben oder ausreden wollen.“ Es geht darum, das Kind in all seiner Individualität wahrzunehmen und unabhängig von dem Geschlecht zu bestärken, zu fördern und zu unterstützen. „Wir haben z.B. bei der Geburt unserer Kinder nie gesagt welches Geschlecht es ist. Nur wer Glück hatte, hat irgendwann eines unserer Kinder nackig gesehen.“ Freie Entwicklung und Entfaltung – so lautet der Grundgedanke. Zusammen mit dem Vater der Kinder wählte Sina bewusst geschlechtsneutrale Namen für die Kinder. Somit können die Kinder später selbst entscheiden, ob sie sich mit einem Geschlecht identifizieren wollen und wenn ja mit welchem. Denn nur, weil eines von Sinas Kindern einen Penis hat, muss es nicht zwangsläufig als Bub gelesen werden, sagt Sina im Interview.

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Die strikte binäre Trennung in weiblich und männlich schränkt die Entwicklung von Kindern nicht nur auf ein limitiertes Spektrum an Geschlechterrollen ein, sondern ignoriert gleichzeitig die Lebensrealitäten von beispielsweise transidenten oder intersexuellen Menschen. Es gibt nämlich mehr als zwei Geschlechtsidentitäten und diese müssen nichts mit den Genitalien einer Person zu tun haben. Dies verdeutlicht das Konzept von Doing Gender, welches auch den Unterschied zwischen sex und gender markiert. Unter sex versteht man das biologische Geschlecht, während gender das soziale Geschlecht meint. Gender ist demnach das Ergebnis sozialen Handelns und entsteht durch ständige Reproduktion in alltäglichen Situationen. Das heißt gender manifestiert sich in unserem Handeln, unserem Sprechen, unserer Kleidung und bei Kindern vor allem im Spielzeug.

 

Kinder sollen frei entscheiden

Geschlechterneutrale Pädagogik bedeutet nicht genderspezifisches Spielzeug und Geschlechtlichkeit grundsätzlich abzulehnen. Das Gegenteil ist der Fall: Kinder sollen die gesamte Bandbreite an Spielzeug und Rollen erfahren dürfen und schlussendlich selbst entscheiden, was ihnen gefällt. Ob das nun typisch männlich, typisch weiblich, irgendwo dazwischen oder außerhalb liegt, spielt keine Rolle. Laut Sina geht es darum, dass jede*r alles ausprobieren und alles sein darf, wie sie*r will. „Ist doch total cool dass alle mit Puppen spielen. Klar sind Bagger total spannend, egal für welches Geschlecht. Weil es einfach cool ist einen Bagger zu fahren, fertig Punkt.“ Die Vorstellung, dass jedes Kind mit jedem Spielzeug spielt, klingt erstmal nicht sonderbar und leicht umsetzbar. Doch in der Realität funktioniert dieser Schritt nicht ganz so einfach, denn die tiefverankerten Geschlechterklischees lassen sich nicht einfach eliminieren. Um das Konzept der Geschlechterneutralität zu verinnerlichen, braucht es eine aktive und vor allem persönliche Auseinandersetzung mit den eigenen Denk-und Handlungsmustern. „Wir haben unsere Sozialisation und unsere Erfahrung gemacht, die kann man nicht einfach ausschalten, aber man kann sie super gut reflektieren.“

 

Die Macht der Sprache

Ein wichtiger Teil der geschlechtsneutralen Erziehung ist auch der reflektierte Umgang mit der Sprache. Dass Sprache Wirklichkeit herstellt und gerade in Zusammenhang mit Geschlechtergerechtigkeit eine wichtige Rolle spielt, ist den meisten Menschen spätestens seit den zahlreichen Debatten rund um genderinklusive Sprache und das generische Maskulinum klar. Um die Freiheit auch in der sprachlichen Kommunikation mit den Kindern auszudrücken, verzichtet Sina überwiegend auf die Verwendung von geschlechterspezifischen Pronomen. Stattdessen werden die Kinder einfach beim Namen genannt, denn der macht sie aus und nicht ihr Geschlecht, erklärt Sina. Mika und Jane sind in dieser Hinsicht soweit gestärkt, dass sie nicht mit er oder sie angesprochen werden wollen. Auch eine staatliche Einrichtung wie z.B. die Schule, welche Mika besucht, können die feste Basis der Familie nicht erschüttern, erzählt Sina im Interview. „Für mich war immer wichtig, wenn Mika in die Schule kommt oder in die große Welt, dass Mika ein Standing hat“.


Mädchen oder Bub?

Sina hat die Aufregung rund um die Geschlechtlichkeit ihrer Kinder nie verstanden und wieso viele Menschen auf der Straße nach dem Geschlecht von Mika und Jane fragen. „Warum muss ich eigentlich jedem erzählen, was mein Kind in der Windel hat? Ich finde das immer so stressig, weil ich niemals einen Erwachsenen fragen würde. Hey hast du eine Vulva oder einen Penis?

Der ständige Versuch einer Einordnung in das binäre System der Geschlechter entsteht laut Sina durch die Sozialisation und das Schubladen-Denken. Dieses gilt es zu überwinden, denn die starke Fokussierung auf das Geschlecht eines Kindes, reduziert dieses nur darauf und vergisst auf den Menschen dahinter.


Den Blick öffnen und mutig sein

Seinen Blick öffnen und das machen worauf man Lust hat. Im Alltag mit Mika und Jane hat Sina vor allem gelernt, wie wichtig es ist, offen zu sein für neue beziehungsweise andere Dinge. Sich frei zu machen von tradierten Bildern und Stereotypen – mutig zu sein und sich zu öffnen. „Ich glaube, viele Menschen, gerade in meiner Generation, haben viele Sachen nicht gemacht, weil ihnen einfach der Mut gefehlt hat, weil es aus Gendergründen vorgegeben war.“ Mika und Jane soll es nicht so ergehen, sie sollen ihre Potenziale voll und ganz ausschöpfen können. Allen anderen Eltern rät Sina: „Nicht zu dogmatisch sein, in dem was ihr tut. Gebt euch nicht vor, dass ihr etwas sofort in einer gewissen Art und Weise hinkriegen müsst, sondern macht euch locker. Probiert Dinge aus, in der Sprache und bei den Spielsachen.“

Zurückgelehnter Serienjunkie. Hasst Vorstellungsrunden, weil es einfach mehr wie zwei Sätze braucht um sie zu begreifen. Nicht nur Serien werden abgearbeitet, sondern auch reichlich Feminismus/intersectionality Bücher. Die restliche Zeit lässt sich gut mit overthinken oder Freunden verbringen. Richtig aus der Ruhe können sie eigentlich nur unreflektierte Menschen bringen, ansonsten ist sie friedliche Vegetarierin.

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