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In der Schule will ich Schülerin sein und nicht Tochter

Die Schulzeit ist für die meisten Menschen eine sehr intensive Zeit, welche durch Mitschüler*innen und Lehrpersonen geprägt wird. Wie muss es sich jedoch anfühlen, wenn die eigene Mutter an genau jener Schule unterrichtet, welche man selbst besucht? Die 16-jährige Magdalena und die 18-jährige Emily befinden sich in genau dieser Sonderposition. Als sogenannte „Lehrerkinder“ genießen sie gewisse Privilegien, müssen jedoch auch mit den Nachteilen leben und kommen immer wieder in peinlich berührende, unangenehme, aber auch witzige Situationen.

Der erste Schultag an Mama’s Schule

Als sie an ihrem ersten Schultag mit zarten 10 Jahren das Gymnasium betritt, hat Magdalena nicht die geringste Ahnung davon, wie es sein wird, die nächsten Jahre unter demselben Schuldach wie ihre Mutter zu verbringen. Sie habe geglaubt, ihrer Mutter sowieso nie über den Weg zu laufen. Die Schule sei ihr für einen solchen Zufall viel zu riesig erschienen. Die Mutter ist für Magdalena (Anm.: Name wurde von der Redaktion geändert) in den ersten Jahren eine Art Sicherheit in der neuen Umgebung und noch unterrichtet sie nur ältere Schüler*innen, die ihre Tochter nicht kennt. „Komisch wurde es erst, als meine Mutter plötzlich die Lehrerin meiner Freund*innen, beziehungsweise meiner Parallelklasse wurde“, erinnert sich Magdalena.

Auch Emily (Anm.: Name wurde von der Redaktion geändert) blickt positiv auf ihren Schulstart zurück. „Bei mir war das ja ein bisschen anders“, erzählt die 18-Jährige. Sie wechselt am Ende der 5. Klasse, mitten unterm Schuljahr, vom 30 Kilometer entfernten Gymnasium an die Schule, an der auch ihre Mutter als Lehrerin tätig ist. Emily betont, dass der Wechsel sicher nicht so einfach verlaufen wäre, hätte sie auf eine andere Schule gewechselt: „Meine Mama regelte das mit dem Direktor innerhalb kürzester Zeit, ich hatte echt Glück und hab mich auf die gemeinsame Zeit gefreut.“

Mama ist mit meinen Lehrer*innen befreundet

Abgesehen davon, dass sie jeden Morgen länger schlafen können, genießen Magdalena und Emily das Mama-Taxi in vollen Zügen. Dabei ist es nicht unüblich, dass Fahrgemeinschaften gebildet werden und auch andere Lehrer*innen mit an Bord sind. „Man bekommt dann schon die ein oder andere Geschichte mit und erfährt viel über das Privatleben der anderen Lehrer*innen“, schmunzelt Emily. Genau so würden die anderen Lehrpersonen aber auch viel über die Lehrerkinder wissen. Das sei wie unter normalen Freund*innen auch, man erzähle sich eben von den Kindern und von diversen Problemen. „Irgendwie komisch ist es dann trotzdem, wenn meine Lehrer*innen bis ins Detail wissen, wie meine Operation verlaufen ist und wie es mir geht“, meint Magdalena. Auch Emily betont, dass es eine besondere Situation sei, die Lehrer*innen als Autoritätspersonen anzusehen und gleichzeitig zu wissen, dass es gute Freund*innen der eigenen Mutter sind. Da kann es schon vorkommen, dass man abends nachhause kommt und von einer Schar Lehrerkolleg*innen empfangen wird, die sich einen netten Abend machen oder der Lateinlehrer vorbeikommt, um beim Schneiden der Gartenhecken zu helfen.

Du oder Sie?

Am unangenehmsten sei das Gespräch mit jenen Lehrer*innen, die man schon vor der Schulzeit privat kannte. Emily erzählt, dass ihre Mutter mit einem Kollegen sehr eng befreundet sei und sie auch schon bei ihm zuhause gewesen sei. „Wir haben zusammen musiziert oder gemeinsam Filme geschaut und auf einmal unterrichtet er mich.“ Auch Magdalena kennt diese Situationen. Wenn ihre Lehrerin zuhause am Esstisch sitzt und mit ihrer Mama einen Kaffee trinkt, dann vermeidet sie es in Gesprächen, die Lehrerin direkt anzusprechen, um nicht in eine peinliche Situation zu kommen.

 

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© Ruth Hochenwarter

Die eigene Mutter im Unterricht

„Halb so schlimm“ lautet Magdalenas Fazit, denn sie wurde ein Jahr lang in einem Wahlpflichtfach von ihrer Mama unterrichtet. Dennoch habe es sie wahnsinnig gemacht, dass ihre Mama im Unterricht anders als zuhause ist. „Dass sie nur hochdeutsch geredet hat und einfach viel strenger und genauer war, als ich es von zuhause gewöhnt bin, das hat mich irgendwann genervt“, gibt sie zu. Emily hingegen hat bald gemerkt, dass ihre Mutter in der Schule genauso verrückt und lustig ist wie zuhause. Sie selbst wurde nie von ihr unterrichtet und hatte nur ein einziges Mal eine Vertretungsstunde mit ihrer Mama. „Das war kurz nachdem ich in die neue Klasse gekommen bin und ich die Leute aus meiner Klasse noch nicht so gut kannte.“ Während einer Musikstunde singen sie einen Kanon, zu welchem es auch einen Tanz gibt. „Den Tanz kannte niemand und so wurde ich von meiner Mama aufgefordert, ihn vorzutanzen!“, erinnert sich Emily lachend. Sie habe sich geweigert, ihn allein vorzuführen. „Da war sie schon ein bisschen sauer.“

 

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© Ruth Hochenwarter

Ganz schön peinlich

Ein Nachteil ist sicher, dass man der Mutter bezüglich schulischer Angelegenheiten nichts verschweigen könne, sind sich die Schülerinnen einig. Wenn man einmal keine Lust auf die erste Unterrichtsstunde habe, könne man nicht ohne Weiteres mit einer Freundin frühstücken gehen. Emily erinnert sich: „Es kam nicht selten vor, dass Mama mir keine Unterschrift für die versäumte Stunde geben wollte. Im Gegenteil, sie ging dann auch noch zu meinem Klassenvorstand und erklärte ihm, dass sie mein Schwänzen nicht unterstütze!“ Auch bei den Maturabällen sei das so eine Sache, denn von den anderen Schüler*innen stehe nie die Mutter in der Disco, um mit ihren Kolleg*innen abzutanzen.

Die Sache mit den Noten

Was Magdalena besonders nervt ist, dass viele ihrer Mitschüler*innen davon ausgehen, dass sie in Deutsch gute Noten schreibt, weil ihre Mutter dieses Fach unterrichtet. Dabei hänge das doch überhaupt nicht damit zusammen, meint die Schülerin. Natürlich habe ihre Mutter schon ein besonderes Auge auf ihre Aufsätze, aber Deutsch sei auch einfach eines ihrer Lieblingsfächer und außerdem habe sie schon immer gerne gelesen und geschrieben. Schlimmer sei es, wenn es einmal nicht so gut läuft. „Ich war in Mathe nie die Beste und musste einmal eine Wiederholungsprüfung machen. Bevor ich darüber informiert wurde, hat mein Mathelehrer das schon mit meiner Mama im Konferenzzimmer über meinen Kopf hinweg entschieden“, erinnert sich Emily. Auch Magdalena empfindet das als Schattenseite des Lehrerkind-Daseins: „Meine Mama erfährt meine Noten meistens früher als ich, obwohl sie das eigentlich auch nicht will. Manchmal sogar über Whatsapp von ihren Kolleg*innen.“

 

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© Ruth Hochenwarter

Eigentlich halb so schlimm

„Ich bin froh, dass meine Mama keine „Angstlehrerin“ ist und mit allen anderen Lehrpersonen gut zurechtkommt. Ansonsten kann ich mir schon vorstellen, dass ich von Schüler*innen als auch Lehrer*innen manchmal benachteiligt werden würde“, meint Emily. Magdalena stimmt dem zu und erwähnt weiters, dass sie in dieser Sondersituation keine wirklichen Einschränkungen erleben würde. „Wenn ich Geld für eine Jause brauche oder sonst irgendein Anliegen habe, ist immer wer da“, freut sich die Schülerin.

Magdalena und Emily sind sich einig, dass ein ausgeglichenes Mama-Tochter-Verhältnis auch in derselben Schule funktioniert und es nur halb so schlimm ist, wie es auf eine*n Außenstehende*n wirken mag.

 

Tirolerin mit einer Leidenschaft für Fotografie insbesondere der Portraitfotografie. Dirndl lover und Familienmensch. Im Winter immer auf der Piste zu finden/ im Sommer die erste auf dem Berg. Liebt Dokumentationen (Wale), aber hasst Gorgonzola. Sie überzeugt mit ihrer offenen, sympathischen und verantwortungsbewussten Art.

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