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Kindergartenpädagogik – immer noch ein Frauenberuf?

Diskriminierung, Sexismus und Ungleichberechtigung – ein Thema, unter dem nur Frauen zu leiden haben? Nicht immer. Auch Männer können die Auswirkungen geschlechtsbezogener Erwartungen zu spüren bekommen. Klammerauf hat mit einem ehemaligen und drei im Beruf stehenden Kindergartenpädagogen über den Blick der Gesellschaft auf ein Berufsfeld gesprochen, das noch immer den Stempel eines traditionellen Frauenberufs trägt.

Obwohl die Gesellschaft zunehmend aufgeschlossener gegenüber Männern in bisher frauendominierten Branchen wird, liegt der Anteil männlicher Kindergartenpädagogen in Österreich bei knapp einem Prozent. Damit liegt Österreich unter dem EU-Durchschnitt. Zum Vergleich: In Deutschland wurde 2019 immerhin ein Anteil von 6,6 % männlichen Erziehern festgestellt.

Während junge Mädchen und Frauen zumeist positives Feedback auf die Berufswahl „Kindergartenpädagogin“ erhalten, werden jungen Männern so manche Hürden in den Weg gelegt. So schildert Fabian, der mittlerweile 17 Jahre im Beruf steht: „Ich wollte schon mit 14 Jahren Kindergärtner werden, aber das gefiel meinem Vater gar nicht. Er meinte, das sei ein Frauenberuf und Männer sollten keine Pädagogen werden. Irgendwie hätte ich mich schon durchsetzen können – aber damals entschied ich mich dann doch für eine Kunstschule. Erst als Erwachsener, mit 24, bin ich zurück auf diesen Bereich gekommen.“

Das gesellschaftliche Stigma des „Frauenberufs Kindergärtnerin“ scheint noch in einigen Ländern verbreitet zu sein, so kann auch der in Ungarn geborene Istvan, der seit 5 Jahren als Kindergartenpädagoge tätig ist, berichten: „In Ungarn wird dieser Beruf noch als Frauenberuf angesehen, er wird sehr schlecht bezahlt und ist dort nicht besonders angesehen. Als ich mich für die Ausbildung zum Kindergartenpädagogen entschieden habe, war ich schon 25, lebte seit einigen Jahren in Österreich – da hat mich der Einwand meines Vaters nicht aufgehalten.“

Zu einer Krankenschwester sagt ja auch niemand: „Du setzt bitte keine Spritzen, das übernehmen die Männer.“

Ein positives Gegenbeispiel kann Max nennen, der von seinen Freunden sogar motiviert wurde, diesen Beruf zu ergreifen. Dennoch herrschten Unsicherheiten: „Während der Ausbildung wurde mir von Freunden gesagt, dass Männer die Kinder nicht wickeln dürfen. Das war ein Missverständnis – sobald wir alle im Kindergarten arbeiteten, wurde uns klar, dass das kein Thema sein sollte.“

Es sollte kein Thema sein – und doch, trotz des gesellschaftlichen Wandels, der sich langsam abzeichnet, wird Männern häufig weniger Vertrauen als Frauen entgegengebracht, gerade wenn es um die intime Pflege kleiner Kinder geht. „An einem früheren Arbeitsplatz wurde mir von der Leitung empfohlen, die Kinder nicht zu wickeln. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis die Leitung und die Kolleginnen mich gut gekannt haben, dann war es überhaupt kein Problem mehr. Damals ist mir erst im zweiten Moment klar geworden, wie diskriminierend das eigentlich ist. Zu einer Krankenschwester sagt ja auch niemand: „Du setzt bitte keine Spritzen, das übernehmen die Männer“, berichtet Fabian. Als Kleinigkeiten bezeichnet er ähnliche Vorfälle:

„Einmal hat ein Opa sein Enkelkind abgeholt und gemeint, es ist schon traurig, dass ein junger Mann keinen anständigen Job findet.“

Im Vergleich zum positiven Feedback, das Fabian für seine Arbeit bekommt, empfindet er solche Vorkommnisse wenig dramatisch. Ähnlich wie Max, an dessen früheren Arbeitsplatz ein Elternteil von Anfang an sein Kind keinem männlichen Pädagogen anvertrauen wollte. Auch er nimmt es gelassen. Doch das Misstrauen, das gerade Auszubildenden und Berufsanfängern entgegengebracht wird, führt schlimmstenfalls dazu, den in der Branche so häufig beklagten Personalmangel zu verstärken.

Jung, motiviert – und unter Generalverdacht

So auch im Fall von Romeo, der die Ausbildung zum Kindergartenpädagogen im Alter von 19 Jahren, während seines dritten Ausbildungsjahres, schließlich abbrach. „In jeder Gruppe gab es diese zwei bis vier Elternteile, die darauf bestanden, ihr altes Rollenbild durchzusetzen. Und das lautete: Männer sollen nicht auf Kindern aufpassen – und wenn Männer bei Kindern sind, sind sie meistens Triebtäter. Es waren immer nur vereinzelte, die anderen hatten kein Problem mit meinem Geschlecht – aber diese wenigen setzten alles daran, ihre Ansichten durchzusetzen. Auf Dauer macht dir so etwas das Leben zur Hölle.“

Nach seinen ersten schlechten Erfahrungen arbeitete Romeo in verschiedenen Kindergärten, um herauszufinden, ob er überall auf Probleme stoßen würde. Aufregung, weil ein Kind sich auf seinen Schoß lehnte, weil ein Kind beim Toilettengang Hilfe brauchte, und immer wieder beim Thema „Wickeln“ gab es tatsächlich in jedem Kindergarten – immer von Seiten misstrauischer Eltern:

„Ich verstehe, dass die Eltern aufgeschreckt sind von diversen medialen Berichten, aber wenn jemand im Kindergarten arbeitet, muss er alle Tätigkeiten erfüllen, egal welches Geschlecht er hat. Das wäre geschlechtliche Gleichstellung. Ganz ehrlich, Windeln wechseln ist niemandes Lieblingstätigkeit – aber jedem ist es lieber, einem Kind die Windeln zu wechseln, als es in seinen eigenen Fäkalien sitzen zu lassen. In einem Kindergarten verlangten die Eltern mehrmals nach einem polizeilichen Führungszeugnis, obwohl man ohne einem einwandfreien Führungszeugnis ohnehin nicht im Kindergarten arbeiten kann. In zwei Kindergärten wollten sie auch gleich eine Kameraüberwachung, denn es hieß:

Du bist ein Mann – dir kann man nicht vertrauen.

Irgendwann dachte ich mir: Entweder mache ich meinen Beruf ganz oder gar nicht. Und musste einsehen, dass es keinen Sinn hat. Von meinen wenigen männlichen Schulkollegen hörte ich ähnliches, keiner von ihnen arbeitet heute noch in einem Kindergarten.“

Der weite Weg zu mehr gesellschaftlichem Ansehen

Romeos Geschichte ist zehn Jahre her. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan, wenn man betrachtet, wie vergleichsweise entspannt Fabian, Max und Istvan von ihren Erfahrungen berichten.  Es sind „Kleinigkeiten“, wie Fabian sie nennt – die doch immer wieder daran erinnern, wie fest alte Rollenbilder noch in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Um Geschlechterstereotype aufzuweichen, braucht es Vielfalt, meint Fabian:

„Ich glaube, dass man Kindern nicht nur Frauen oder Männer, sondern Persönlichkeiten bieten muss. Und das sehr weit gefächert.“

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©Shutterstock

Die Tendenz zu mehr Aufgeschlossenheit steigt – wird die erhoffte Vielfalt also bald Normalität? Leider nicht, befürchtet Fabian. „Es ist immer noch ein Thema, dass dieser Beruf gesellschaftlich nicht anerkannt wird. Es ein sehr harter, schlecht bezahlter Job ist. Junge Burschen entscheiden sich für den Job, weil sie es lieben, mit Kindern zu arbeiten und nicht, weil sie hoffen können, Karriere zu machen. Das ist eine riesige Herausforderung für viele Menschen.“

Tatsächlich scheint sich so schnell nichts an dem Personalmangel in der Kleinkindpädagogik zu ändern – stattdessen bleiben auch die Frauen häufig nur wenige Jahre in diesem Beruf. Was müsste sich also ändern, damit der Bereich der Elementarpädagogik generell ein attraktiveres Berufsfeld wird?

Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern

Max hat darauf eine klare Antwort: „ Es braucht mehr Ansehen, mehr Fördergelder für einen gehobenen Betreuungsschlüssel und angemessene Bezahlung.“ Trotz der Leistung, die diese Branche für die Gesellschaft erbringt, sind solche erhofften Änderungen noch in weiter Ferne. Wie so oft im Sozialbereich, verfährt die Politik auch mit dem System Kindergarten geradezu ignorant, meint Istvan. „Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern – generell, das betrifft Männer und Frauen.“

Unterschätzte Bildungsarbeit

Dass im Kindergarten keine reine Aufbewahrung der Kinder, sondern tatsächliche Bildungsarbeit geschieht, ist immer noch den Wenigsten bewusst. Sensibles Beobachten und gezieltes Fördern von Entwicklungsbereichen wie Motorik, Sprache und Kognition bedarf vielzähliger Soft Skills und ausgeprägter Fachkompetenz. Doch: „Kaum jemand kann sich vorstellen, welche Leistung im Kindergarten tatsächlich erbracht wird.“

An Berufsinteressierte hat Istvan eine klare Botschaft:

„Trotz allem ist es ein wunderschöner Beruf. Es wäre ein Traumberuf, wenn die Rahmenbedingungen passen würden.“

Leidenschaftlicher Potterhead für die der Uni-Start mit der ersten Reise nach Hogwarts vergleichbar ist. Statt dem morgendlichen Kaffeebecher braucht die Naturliebhaberin eine Yoga-Einheit, um so richtig wach zu werden. Ihre Lieblingsfarbe: Blau-grün – trägt sie auf dem Kopf. Träumt davon ihre lyrischen Fähigkeiten aus einem kleinen Haus in Irland (am besten mit Ausblick aufs Meer!) mit der Welt zu teilen.

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