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Klimaaktivismus: „Die verstehen nicht, ich mache das wegen meiner Zukunftsängste“

Klimaaktivismus ist mittlerweile kein Fremdwort mehr. Immer wieder kommen Aktivisti in die Schlagzeilen, so wie momentan mit der Baustellenbesetzung gegen den Bau der Stadtstraße in Hirschstetten. Doch was sind die Beweggründe einer Person, die aktiv an einer Besetzung mitmacht? Klammerauf hat eine Klimaaktivistin im Camp besucht und von ihren Ängsten, Hoffnungen und ihrer Lebenssituation erfahren.

„Ich bin Vollzeit-Aktivistin und Halbzeit-Schülerin“, so stellt sich Soletti (Anm. Pseudonym, Name der Redaktion bekannt) zu Beginn unseres Treffens vor. Soletti widmet den Hauptteil ihrer Zeit der Klimakrise, um die Gesellschaft von deren Dringlichkeit zu überzeugen. Die restliche Zeit geht sie in die achte Klasse. Soletti ist seit Ende August Teil der Baustellenbesetzung in Hirschstetten und verbringt meistens über die Hälfte der Woche im Camp. Zu ihrem eigenen Schutz sprechen die Aktivisti (Anm.: genderneutrale Selbstbezeichnung der Aktivist*innen) sich nur mit Pseudonymen an. Soletti erzählt Klammerauf, wie sie zum Klimaaktivismus kam, wie es im Camp ist und wie sich ihr Privatleben durch den Aktivismus verändert hat.

Nette Gesten gegen die Klimakatastrophe

Wir treffen Soletti an einem Freitagnachmittag im Dezember 2021. Sie ist eine ruhige aber fröhliche Person. Mensch merkt, sie hat sich schon viele Gedanken über die großen Probleme in unserer Gesellschaft, wie Rassismus, Sexismus, Diskriminierungen aller Art und die Klimakatastrophe, gemacht. Die Klimakatastrophe ist es auch, wegen der sie ihr Leben radikal geändert hat. Die Wissenschaft wisse seit über 30 Jahren von der Klimakatastrophe und mittlerweile bleiben nur noch neun Jahre, um eine riesengroße Katastrophe abzuwenden. „Am meisten Angst macht mir das Nichtstun“, meint Soletti nüchtern aber nicht ohne Wut in der Stimme – „ich komme mir vor wie in einem Boot ohne Paddel, das auf einen Wasserfall zurast.“ Die Politik schiebt die Verantwortung auf das Individuum ab, sagt die Menschen müssen handeln, doch: „ich kann meine Hand aus dem Boot strecken, aber mehr als eine nette Geste ist das nicht“.

Eine nette Geste wird aber nicht reichen, denn die Klimakatastrophe ist wortwörtlich, was das Wort verspricht: eine riesige Katastrophe bewirkt durch das Klima, aber ausgelöst durch die Menschheit. Es ist ein bisschen wie ein Fieber. Ein Mensch kann einige Tage Fieber gut aushalten, aber wenn das Fieber über Jahre anhält und immer höher wird, wird es gefährlich. Dasselbe passiert gerade der Erde, deren Durchschnittstemperatur bereits jetzt um 1,2°C gestiegen ist und die Auswirkungen davon sind auf der ganzen Welt zu beobachten.

Über Social Media zur Klimaaktivistin

Auch Soletti waren die Auswirkungen der Klimakrise lange Zeit nicht bewusst. Vor über drei Jahren begann sie dann, auf Klimastreiks, von denen sie auf Social Media erfahren hatte, zu gehen. Auf diesen Streiks kam sie mit den harten Fakten zur Klimakrise das erste Mal in Berührung. Beispielsweise, dass wir uns im sechsten Massensterben befinden, das heißt von den 3,6 Millionen erfassten Arten wird geschätzt, dass bis 2050 25% ausgerottet sein werden. Artensterben werden definiert als der Verlust von dreiviertel aller Arten in einer „kurzen“ Zeitspanne, wobei damit unter 2,8 Millionen Jahre gemeint sind. Die fünf vergangenen Massensterben waren immer durch plötzliche Naturkatastrophen oder Klimaveränderungen ausgelöst, das sechste Massensterben jedoch wurde innerhalb kürzester Zeit durch den Menschen verursacht. Soletti zählt weiter auf, mittlerweile ist quasi fix, dass die Korallenriffe sterben, auch die Polarkappen schmelzen, wenn wir nicht bald eine Wende unserer ausgestoßenen Emissionen schaffen. Die Auswirkungen von diesem Abschmelzen sind so enorm, dass die Wissenschaft zögerlich ist, genaue Vorhersagen zu treffen. Auch dass durch die Erderwärmung viele Millionen Menschen sterben werden, oder flüchten müssen, weil sie ihren Wohnraum aufgrund des Meeresspiegelanstiegs verlieren oder es in ihrer Heimat zu heiß zum Leben ist, hat Soletti erfahren. Während Soletti diese ernüchternden Fakten aufzählt, ist ihr nicht anzumerken, wie erschütternd es für sie war, das erste Mal von den drohenden Schicksalen all dieser Menschen und Tiere zu hören. Daraufhin wurde sie immer aktiver, half bei der Organisation von Streiks, der Planung von Aktionen und kam so in die Community der Klimaaktivisti. Denn all diese Informationen zu haben und nichts zu unternehmen, kommt für Soletti nicht in Frage.

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© Agnes Doppelbauer

„Das macht mir extrem Angst, dass ich weiß, wir haben dieses Problem und es kommt bald und es kommt auf uns zu, aber es passiert nichts. Die Politik ändert nichts, im Gegenteil.“

Wie umgehen mit der Klimaangst?

Wahrscheinlich hat schon jede Person, die sich näher mit der Klimakrise beschäftigt hat, irgendwann diese Angst verspürt. Eine Angst hervorgerufen durch die schiere Größe des Problems, das fast unvorstellbare Auswirkungen auf das System Erde und seine Menschen hat. Manche Leute lähmt diese Angst. Andere wiederum mindern das Ohnmachtsgefühl, indem sie tätig werden. Gleichzeitig braucht es Grenzen, um nicht durch das Aktivisti-Dasein auszubrennen – viele lernen das erst schmerzlich und verausgaben sich. Nachhaltigen Aktivismus nennt es die Klimagerechtigkeitsbewegung, der Soletti angehört. Dazu zählt die Akzeptanz, nicht mehr leisten zu können, immer wieder Pausen einzulegen und auf seine psychische Gesundheit zu schauen. Es hilft Soletti auch, Teil einer Gruppe zu sein, zu wissen, mensch ist in diesem Kampf für eine lebenswerte Zukunft mit allen Sorgen und Ängsten nicht alleine. Gleichzeitig ist es frustrierend für Soletti. Die Politik weiß offensichtlich Bescheid, 99% der Wissenschaftler*innen sind sich einig, dass es sofortige Maßnahmen geben muss. „Es gehen 80 000 Menschen in Wien auf die Straße, Millionen weltweit, und doch tut sich nichts. Im Gegenteil, es werden Projekte wie der Lobautunnel geplant.“, sagt Soletti enttäuscht. Aber die Klimagerechtigkeitsbewegung lässt sich davon nicht entmutigen. Im Gegenteil, sie starten große Aktionen wie das Camp für die Lobau.

Soletti im Camp für die Lobau

„Camp für die Lobau“, so wird die Besetzung mehrerer Baustellen eines Straßenbauprojekts, das durch ein Naturschutzgebiet gebaut werden soll, genannt. Klimaaktivisti haben seit Ende August 2021 an mehreren Orten, „Grätzel“ genannt, ihre Zelte aufgeschlagen. Soletti ist seit Ende August mit dabei. Für sie sind solch riesige, teilweise 4-5-spurige Straßen durch Naturschutzgebiete nicht kompatibel mit Österreichs Plan, 2040 klimaneutral zu sein. Mit dieser Meinung ist Soletti nicht allein. Den Protest gegen das Bauvorhaben gibt es bereits seit 20 Jahren, seit die ersten Pläne bekannt wurden. Anrainer*innen wehren sich also seit Jahrzehnten dagegen und haben die Bürger*innen Initiative Hirschstetten-retten gegründet. Soletti ist wichtig anzuführen, dass das Camp erst im Endspurt der Proteste entstanden ist – als tatsächlich der Bau der Straße beginnen sollte – den Grundstein für diesen Kampf haben aber andere gelegt. Die Anrainer*innen sind es auch, die ganz viele der Sachspenden mit denen das Camp winterfest gemacht wurde, bereitgestellt haben, erklärt Soletti nicht ohne Stolz auf die Unterstützer*innen. Denn die Anrainer*innen wollen keine Autobahn vor der Haustüre. Teilweise entschuldigen sie sich, dass sie nicht mehr leisten können und nicht selbst besetzen. „Aber dafür haben wir jetzt [zeitliche] Ressourcen, ich habe jetzt die Zeit“, meint Soletti. Ob die Aktivisti denn nur Unterstützung erfahren? Nein, manchmal fahren Menschen in der Nacht vorbei und hupen, um die Aktivisti aufzuwecken. „Aber von den Leuten, die uns unterstützen, kriegen wir so viel mehr.“

Der Bau des Lobautunnels wurde offiziell abgesagt. Doch Soletti und die anderen Mitstreiter*innen wollen weiter bleiben. „Es ist nicht nur der Lobautunnel, den wir stoppen wollen, sondern auch die Stadtstraße hier und wir wollen generell eine Mobilitätswende.“ Also bleiben sie. Solange es eben nötig ist. Mittlerweile übernachtet auch niemand mehr in Zelten, sondern es wurde ein Turm gebaut, in dem eine Art Matratzenlager ist. Sogar ein Ofen ist vorhanden. Das „Oha, wir schlafen auf einer Baustelle“-Gefühl von der ersten Nacht im Camp ist seitdem etwas verflogen, erzählt Soletti. Aber nach über drei Monaten Besetzung sind etwas Komfort und vor allem Wärme wichtig. Auch weil die Aktivisti auf vieles verzichten, um bei dieser Besetzung zu sein.

Aktivismus und Privatleben in Einklang bringen

„Ich kenne meine allerbesten Freund*innen vom Aktivismus.“ Aber die Sozialkontakte, die wenig mit der Klimagerechtigkeitsbewegung zu tun haben, sind schwer zu pflegen. Es passiert schnell, eine Freundschaft zu vernachlässigen, wenn mensch entweder in der Schule oder bei der Baustellenbesetzung ist. Außer mittwochs, da hat Soletti Klavierstunde und diese Zeit nimmt sie sich auch für sich. „Das ist der Tag an dem ich heimfahre und mich ein bisschen regeneriere und runterkomme.“ Aber unabhängig vom Ort, ob daheim bei ihrer Familie oder in der Schule, vertritt sie die Ansicht: „das Private ist politisch“. Denn Klimagerechtigkeit ist auch soziale Gerechtigkeit, das verficht Soletti vehement. Die Personen, die am wenigsten zur Eskalation der Erderwärmung beitragen, werden später am meisten darunter leiden. Und wenn sie jemand fragt, warum sich ihr ganzes Leben um die Klimakrise dreht, dann antwortet sie mit ernsthafter Entschlossenheit: „Wenn ich wegen der Klimakrise sterbe, dann muss ich halt etwas dagegen tun.“

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde Anfang Dezember 2021 geschrieben. Am 30. Dezember 2021 ereignete sich ein mutmaßlicher Brandanschlag auf den Turm des Grätzel 1, in dem auch das Interview stattfand und auf dem Titelbild abgebildet ist. Es wurden keine Aktivisti verletzt.

Ressourcen: Wenn es dir mental nicht gut geht und dich die Klimakrise belastet oder du Weltschmerz empfindest, sprich mit Familien und Freund*innen darüber, aber zögere auch nicht, dir professionelle Hilfe zu suchen!

Telefonseelsorge: 142 für ein Telefonat oder Chatberatung auf ihrer Website

Psycholog*innen finden: Psychnet ; Psychologen.at

Weitere Adressen, die dir helfen können: Psychologists for Future, Instagram Account Klimaangst

Oberösterreichische Leseratte, die auch gerne ihre eigenen Gedanken und Geschichten aufs Papier bringt. Großes Herz für ihre Hündin, Leni, aber auch für Fanny, Fred und Fips, ihre selbst benannten Pflanzen. Bei ihrer unleserlichen Schrift könnte man meinen sie sei eine Ärztin, bei ihren Texten wird jedoch klar, dass auf sie eine andere Berufung wartet.

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