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Leben im Loch

Laut Schätzungen der WHO waren 2019 in etwa 5,1 Prozent der österreichischen Bevölkerung von einer Depressionserkrankung betroffen. Dieser Wert ist allerdings durch die Pandemie bis auf das Vierfache gestiegen. Wir haben mit zwei Betroffenen gesprochen. 

Es ist wie als wäre ich in einem Loch, aus dem ich – egal wie sehr ich es versuche – nicht mehr rauskomme.

-Birgit K.

Der Arbeitsplatz spielt im Leben eine relevante Rolle, er kann sowohl Kraft und Halt geben, als auch Druck und Verzweiflung auslösen. Und dieser Druck, diese Verzweiflung können sich so weit ausprägen, dass man in ein Loch fällt, aus dem man schwer herauskommt.

Depression beeinflusst den Alltag mehr als manch eine*r denkt

Birgit K. (Name von der Redaktion geändert) lebt seit über 20 Jahren mit dieser Krankheit. Sie hat in Pflege und im Handel gearbeitet, jedoch hatte sie mit einigen Hürden zu kämpfen, die sie schlussendlich ihren Arbeitsplatz kosteten. „Ich habe verlernt zu vertrauen, verlernt zu glauben und verlernt zu lieben. Ohne diese Fähigkeiten ist es nahezu unmöglich, zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen. Jahreszahlen, Daten und alles was mit Zahlen zu tun hat, bringt mich durcheinander. Welche Arbeitsmöglichkeiten bieten sich denn da noch an?“, berichtet Birgit, deren sehnlichster Wunsch es ist, einen Arbeitsplatz zu finden. Doch so stark dieser Wunsch auch ist, kann sie sich selbst in keinem Job vorstellen.

Ein weiterer Aspekt, der Birgits Alltag prägt, ist das Projizieren der Probleme anderer auf sich selbst. Jede Negativität, jedes erwähnte Leiden bleibt an Birgit hängen. Spricht jemand von Kopfschmerzen, hat sie in derselben Sekunde Migräne. Spricht jemand von einem Krankenhausaufenthalt, sieht sie sich selbst auf dem OP-Tisch im Sterben liegen. „Mir fehlt die Fähigkeit mich abzugrenzen“, erklärt Birgit. Sie fühlt sich so, als wären alle ihre Sinnesorgane permanent durcheinander und sie könne sie nicht ordnen. Birgit schildert: „Ich habe das Gefühl, dass all meine positiven Emotionen sich in einer Höhle befinden, welche verschlossen ist. Ich weiß, dass sie existieren. Ich weiß, dass ich sie einst empfunden habe. Aber ich kann nicht zu ihnen durchdringen“.

Auch Angst kann manchmal Hoffnung geben

All diese negativen Empfindungen werfen die Frage auf, was einem in dieser Situation eigentlich noch Hoffnung gibt. Was einem die Kraft

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©Izabell Nagy

gibt, jeden Tag aufzustehen und weiter zu machen. Vom Grundverständnis ausgehend würde man sagen Freunde und Familie, nicht wahr? Doch Birgit bedauert, dass sie es nahezu als unmöglich empfindet, die Worte ihrer Bezugspersonen zu glauben. Ihr gibt etwas anderes Hoffnung, das Außenstehenden nicht direkt in den Sinn kommen würde. „Es mag vielleicht erschreckend klingen, aber das, was mir jeden Tag aufs Neue Kraft gibt, ist die Angst. Die Angst komplett durchzudrehen. Die Angst unheilbar krank zu werden. Ebenso meine Verpflichtungen: Ich muss essen. Ich muss schlafen. Ich muss mich bewegen.“, berichtet Birgit, „Es ist unfassbar schwer, wenn die eigene Welt zerbrochen ist, diese wieder aufzubauen“.

Es kommt schleichend. Man bemerkt es erst, wenn es schon fast zu spät ist.

– Andrea E.

Vor ein paar Jahren befand sich Andrea E. (Name der Redaktion bekannt) ebenso in einem „Loch“, wie sie es selbst beschreibt. Sie stand nämlich kurz vor einem Burnout, dessen Zuordnung zwar umstritten ist, jedoch medizinisch als eine Form der Depression betrachtet wird. Doch wie kam es dazu? Andrea erzählt, die ausschlaggebenden Faktoren seien für sie der enorme Druck seitens Arbeitgeber*in und sich selbst, der stark ausgeprägte Ehrgeiz und der übergenaue Perfektionismus gewesen. Darüber hinaus sei es ihr schwergefallen, den 40-Stunden-Job, den Haushalt und die Familie unter einen Hut zu bringen. Hilfe wollte sie keine annehmen, war Andrea doch davon überzeugt, alles alleine bewältigen zu müssen.

Irgendwann wurde ihr all der Druck zu viel und Andrea fing an, erste Symptome zu zeigen. „Ich war komplett arbeitsunfähig, konnte weder klar denken, noch klar fühlen. Für mich war es das Schlimmste, keinen Satz rausbringen zu können, ohne zu weinen.“, berichtet Andrea. Allerdings war das nicht die einzige Hürde, mit der sie zu kämpfen hatte. Denn sie begleiteten andere Symptome, wie Schlaf- und Kraftlosigkeit, „Ich wollte gar nicht mehr aus dem Bett aufstehen“. Doch es ist nie zu spät für Hoffnung. Mit ausreichend Erholung und etwa drei Monaten Krankenstand ist Andrea auf dem Weg der Besserung gewesen.

Hilfe annehmen ist keine Schande!

Es ist wichtig, Betroffenen zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, Hilfe anzunehmen. Es ist wichtig, dass Betroffene offen über ihre Situation reden können, ohne Angst zu haben, stigmatisiert zu werden. Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass sie sich an Bezugspersonen oder gar an professionelle Fachleute wenden können. Denn schätzungsmäßig kann eine wirkungsvolle Behandlung die Krankheitslast um bis zu 20% verringern. Der Depressionsbericht des Sozialministeriums empfiehlt folgende Initiativen mit Fokus auf Prävention von Depressionen:

Bündnis gegen Depression (Best-Practice-Beispiel): Aufklärung, Information und Schulungen auf verschiedenen Ebenen

Depressionsspezifisches Webportal: Aufklärung zu Behandlung und Erkennen von Depressionen sowie Hinweise für Präventionsmöglichkeiten

▪ Europäisches Programm Youth Aware of Mental Health (YAM): implementiert in Tirol durch gefördertes Projekt an österreichischen Schulen (Stärkung von Kompetenzen und Bewusstseinsbildung durch Rollenspiele von Schülern und Schülerinnen)

Speziell bei der Arbeitsfindung bietet sich die Firma Auftakt an, die auch Birgit unterstützt. Meist werden einem Sozialarbeiter zur Verfügung gestellt, die spezifisch auf psychische Krankheiten ausgebildet sind.

Weitere Anlaufstellen:

  • Sozialpsychiatrischer Notdienst

Telefon: 01 31 330 (täglich von 0 bis 24 Uhr)

  • Psychotherapie Helpline – Wiener Landesverband für Psychotherapie

Telefon: 0720 12 00 12 (täglich von 8 bis 22 Uhr)

  • Helpline vom Berufsverband Österreichischer PsychologInnen

Telefon: 01 504 8000 (Montag bis Donnerstag von 9 bis 13 Uhr)

  • Ö3 Kummernummer

Telefon: 116 123 (Montag bis Sonntag von 16 bis 24 Uhr)

  • Telefonseelsorge Wien

Telefon: 142 (täglich von 0 bis 24 Uhr) oder Online-Beratung

Siebenbürgerin und Österreicherin, kann und will sich aber nicht entscheiden. Therapeutin für Alle. Sportliche Couchpotato, die alles vom Bett aus macht. Liebt Musikhören im Auto so sehr, dass sie nur deswegen den Führerschein macht.

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