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NICHT MÄNNLICH, NICHT WEIBLICH – NICHT-BINÄR.

Bevor ein Mensch überhaupt geboren wird – sobald eine Ultraschalluntersuchung aufzeigt, welche Genitalien das Baby hat, wird die gesamte Sozialisierung dieses Menschen vorbestimmt. Was wenn das Geschlecht, das bei – oder meistens vor – der Geburt zugeteilt wurde, nicht mit der eigenen Geschlechtsidentität übereinstimmt? Und was, wenn man sich nicht als „das gegenteilige“ Geschlecht identifiziert, sondern als etwas dazwischen? Oder eben weder noch?

Ich heiße Luí, ich bin 26 Jahre alt und das Wort „non-binary“ hat mein Leben verändert und in vielen Aspekten auch gerettet. Ich wurde als Frau sozialisiert und damit hatte ich eine spezifische Rolle in der Gesellschaft. Ich hab das für die meiste Zeit nicht viel hinterfragt, trotz des Gefühls, dass etwas mit mir nicht stimmt. Als ich mit 21 von zu Hause ausgezogen bin, bin ich mit einem Trans-Mann eingezogen und habe seine Transition mitverfolgen können. Wir hatten lange Gespräche über Geschlecht und das hat viele Gedanken und Gefühle in mir erweckt – und auch für viel Verwirrung gesorgt. Ich habe gemerkt, dass ich kein Mann sein möchte, aber ich habe mich immer weniger mit dem Frau-sein identifizieren können. Kurze Zeit darauf, bin ich durch Zufall auf den Begriff Non-Binary gestoßen. Es hat sofort „Klick“ gemacht! Endlich hatte ich ein Wort, das erklärte wie ich mich fühle und ein Wort, das mir zeigte – ich bin nicht allein!

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© Luí Matias dos Santos

Nicht Mann und nicht Frau?! Was bedeutet Non-binary?

Non-binary unterliegt dem Überbegriff Transgender. Trans zu sein bedeutet sich nicht mit dem bei der Geburt zugeteilten Geschlecht zu identifizieren. So kann eine Person die als Frau sozialisiert wurde und trans ist, sich als Trans-Mann identifizieren. Non-binary bedeutet nicht-binär und beschreibt Geschlechtsidentitäten, die von der binären Norm (männlich und weiblich) abweichen. Dabei ist Non-binary selber auch ein Überbegriff für verschiedene nicht-binäre Geschlechtsidentitäten wie beispielsweise genderqueer, genderfluid, agender und viele mehr.

Richtige Ansprache: Pronomen!

Nicht binäre Personen verwenden oft geschlechtsneutrale Pronomen, wie beispielsweise das Singular „they“ im Englischen oder keine Pronomen im Deutschen. Viele verwenden aber auch binäre Pronomen. Ich, zum Beispiel, verwende „er“, zum einen weil ich mich zum Teil als männlich identifiziere (deswegen identifiziere ich mich auch als Demiboy, also ein Teil meiner Identität ist männlich, aber eben nicht meine gesamte Identität) und zum anderen, weil ich mich klar vom Frau-sein abgrenzen möchte – nicht weil ich überwiegend als männlich gelesen werden möchte, sondern weil ich auf keinen Fall als Frau gelesen werden möchte. Bei Unsicherheiten sollte man am besten nachfragen, wie die Person angesprochen werden möchte, denn die Verwendung falscher Pronomen kann zu Geschlechtsdysphorie führen.

Körper – Geist – Konflikt: Geschlechtsdysphorie

Viele Trans-Menschen, ob binär oder nicht, spüren Geschlechtsdysphorie. Dabei handelt es sich um einen inneren Konflikt zwischen dem zugeteilten Geschlecht, und die eigene Geschlechtswahrnehmung. Das kann sich auf mehrere Aspekte der Selbstwahrnehmung auswirken. Es kann sein, dass Menschen sich unwohl mit ihrem Körper fühlen oder mit ihren Geburtsnamen, mit ihrer Stimme, oder wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Um dem entgegen zu wirken, entscheiden sich manche Menschen dazu Änderungen vorzunehmen, wie beispielsweise eine Namensänderung, andere Kleidung zu tragen, als gesellschaftlich für das zugeteilte Geschlecht erwartet oder für eine  Hormontherapie, um das Äußere dem Inneren sozusagen anzupassen. Je nachdem wie gewisse Faktoren sich auf das äußere Erscheinungsbild auswirken (Gewand, Make-Up, Hormontherapie,…) kann es dazu kommen, dass man in der Öffentlichkeit passt (vom Englischen to pass, also “durchgehen/bestehen/gelten). Das bedeutet, sie werden als Cis-Personen (Menschen, die sich mit ihrem zugeteilten Geschlecht identifizieren) gelesen. Das kann für viele etwas Positives sein, oder sogar mehr Sicherheit in der Öffentlichkeit bedeuten. Für andere ist es aber nicht erwünscht zu passen, da sie sich am wohlsten fühlen, wenn sie geschlechtsnichtkonform sind. Ob Menschen Geschlechtsdysphorie haben, wie sich diese auswirkt und wie die Betroffenen mit dieser umgehen ist von Mensch zu Mensch anders. Es gibt auch Trans-Personen die keine Geschlechtsdysphorie spüren und das ändert nichts an ihrer Authentizität als Trans-Personen.

Kein „Richtig“ oder „Falsch“

Geschlechtsidentität ist sehr persönlich und für jede Person anders. Deswegen habe ich zwei andere nicht-binäre Personen interviewt um besser aufzeigen zu können, dass es keine „richtige“ Art gibt, non-binary zu sein.

Das Leben außerhalb des Binären

Wenn man noch nie damit konfrontiert wurde, kann es für Cis-Personen schwer sein, nachzuvollziehen, dass es Geschlechter gibt, die weder männlich noch weiblich sind. Dabei gibt es nicht-binäre Geschlechter schon seit Anbeginn der Menschheit, wie beispielsweise die Hijras in Indien, Muxes in Mexiko und Kathoeys in Thailand. Dennoch fehlt in unserer Gesellschaft einiges an Aufklärungsarbeit. Das fehlende Wissen und die Fehlinformation über verschiedene Trans-Identitäten erschwert und gefährdet unseren Alltag. Ganz triviale Sachen, werden sehr schnell zu unangenehmen oder gefährlichen Situationen – wie beispielsweise auf die Toilette gehen.

 

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2-3.png?resize=1100%2C303&ssl=1Viele nicht-binäre Trans-personen, mich inkludiert, versuchen in der Öffentlichkeit zu passen, also als Cis gelesen zu werden, um sich sicherer zu fühlen und um weniger belästigt zu werden. Aber das Gefühl von Sicherheit hat einen Preis: die eigene Authentizität. Das gilt auch für Menschen, die nicht geoutet sind, wenn man sich noch dem zugeteilten Geschlecht anpasst. Nathan war in solch einer Situation:

 

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Klos, Kleidung, geschlechtsspezifische Sprache und vieles mehr sind für den Großteil der Gesellschaft banale Sachen, über die man nicht weiter nachdenkt. Für nicht-binäre Personen sind das aber große Hürden, die wir in unserem Alltag navigieren müssen. Der Druck des Binären ist sehr stark und belastend. Es ist leicht sich in solchen Strukturen unsichtbar, unsicher und entkräftet zu fühlen. Umso wichtiger, ist es für nicht-binäre Personen Orte und Menschen zu haben, in denen sie sich wohl und authentisch fühlen können. Meistens bedeutet das unter Gleichgesinnten zu sein. Aber es ist wichtig, dass Cis-Personen sich ihren Privilegien bewusst sind und diese nutzen, um Trans-Personen zu helfen und zu unterstützen.

 

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Ich würde mir wünschen, dass Cis-Personen uns helfen gewisse Dinge zu normalisieren, wie beispielsweise nach Pronomen zu fragen oder geschlechtsneutrale Klos anzufordern an Ausbildungsorte wie Universitäten und Schulen oder an Arbeitsplätzen. Vor allem ist es aber notwendig ein größeres Bewusstsein dafür zu haben, dass Geschlecht komplexer ist, als das was der Gesellschaft vermittelt wird. Und alle Identitäten sind valid. Es geht um das Prinzip, die eigene Identität ohne Angst ausleben zu können. Es geht um Grundrechte. Trans-Personen, binär und nicht-binär, sind überall! Wir waren schon immer hier und wir werden auch weiterhin hier sein – laut und stark. Es ist wichtig zu verstehen, dass die gesellschaftlichen Strukturen uns ausblenden und uns unsere Menschlichkeit verweigern. Es reicht nicht, uns zu tolerieren. Es reicht nicht, uns zu akzeptieren. Es müssen drastische Änderungen passieren. Damit beginnend, dass Cis-Personen ihr Verhalten hinterfragen, auf Trans-Personen zugehen um zuzuhören und zu lernen und dabei Respektvoll bleiben.

 

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Es muss sich noch Einiges ändern, bis wir ein Zustand der Gleichberechtigung erreicht haben. Aber ich sehe auch, dass sich langsam tatsächlich etwas tut. Sehr langsam, aber doch. Ich hoffe, dass jede Person die das gerade liest, ein bisschen besser die Dringlichkeit versteht. Ich hoffe, ich konnte mit diesem Beitrag für mehr Aufklärung  sorgen und vor allem hoffe ich, dass jede Person die das liest dazu beitragen möchte, Transphobie zu bekämpfen!

 

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Bilder und Grafiken: © Luí Matias dos Santos

Bekennender Britney Spears und 90s Trash Fan. Wollte als Kind Vogelforscher werden. Tanzt gern Hip Hop und liebt vietnamesisches Essen.

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