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Österreich, wie geht es deinen Frauen*(häusern)?

Frauen*häuser sind soziale Einrichtungen, welche Frauen* und Kindern, die von männlicher Gewalt betroffen sind, verschiedene Hilfsangebote bieten. In einem Interview gibt Gabi Plattner, die Geschäftsführerin und inhaltliche Leiterin des Tiroler Frauen*hauses, Einblicke in deren Arbeits- und Lebenssituation. Wie wichtig und relevant derartige Einrichtungen sind, zeigt sich an der hohen Anzahl von ermordeten Frauen in Österreich. Allein von Jänner bis Oktober 2019 wurden in unserem Land 32 Frauen gewaltsam getötet.

Derzeit gibt es insgesamt 26 Frauen*häuser, wobei diese von zwei unterschiedlichen Vereinen geführt werden: Verein ZÖF (Zusammenschluss Österreichischer Frauenhäuser) und AÖF (Autonome Österreichische Frauenhäuser).  Um den Schutz und das Wohl der Betroffenen bemüht, arbeiten beide Dachorganisationen eng zusammen. Frauen*häuser sind in erster Linie Schutzeinrichtung für Frauen* und Kinder, die von männlicher Gewalt betroffen sind. Zudem bieten sie Beratung und individuelle Hilfestellungen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes, gewaltfreies Leben.

„Hallo, Frauennotruf?!“

Wer die Frauen*helpline kontaktiert, landet beim Verein AÖF (Autonome Österreichische Frauenhäuser). In diesem Telefonat wird, wie Gabi Plattner erläutert, zuallererst die Situation der Betroffenen* und gegebenenfalls deren Kinder erörtert: In welcher Lage befinden sie sich – besteht sofortiger Handlungsbedarf?

Wie kann die Anreise ins Frauen*haus erfolgen – ist die Person selbst mobil, kann jemand aus dem nahen Umfeld sie hinbringen, kommt sie mit der Polizei, ist eine Begleitperson dabei? Auch die Frage, ob die Anruferin* überhaupt in das Klientel des Frauen*hauses fällt, muss geklärt werden – also eine von männlicher Gewalt betroffene Frau* oder ein von männlicher Gewalt betroffenes Kind. Die Adresse des Frauen*hauses wird erst nach dieser Erörterung bekannt gegeben, da diese zum Schutz aller dort lebenden und arbeitenden Menschen weitgehend unter Verschluss gehalten wird.

Nachdem die Frau* und im Fall ihre Kinder im Frauen*haus angekommen sind, werden für die Orientierung vorerst die groben Abläufe geklärt, schildert Gabi Plattner. In einem Aufnahmegespräch wird die Frau* als Expertin* zu ihrer eigenen Gewalt- und Gefährdungssituation befragt. Dabei sollen zuerst oberflächlich die grundlegenden Gegebenheiten abgeklärt werden: Was ist passiert? Worauf muss geachtet werden?

Auch Grundbedürfnisse wie Hunger und Durst werden gestillt, um ein erstes Wohlbefinden und Stärken zu ermöglichen. Erst dann beginnt die laufende Betreuungsarbeit, bei der die Frau* eine Mitarbeiterin* zugeteilt bekommt, die sich im Betreuungsverlauf um sie kümmert. Das Leitprinzip dabei ist die Selbstbestimmung. Der betroffenen Frau* werden mögliche Schritte und Handlungsfelder aufgezeigt sowie Hilfestellungen angeboten. Letztlich bestimmt jedoch sie selbst, welche Schritte sie tatsächlich gehen kann und möchte.

SCHUTZ geben – RAUM bieten

Das Schutz geben und Raum bieten definiert sich auch über den Umgang mit Männern*. Früher durften grundsätzlich keine Männer* das Frauen*haus besuchen. Auch nicht Fördergeber* und Politiker*, was durchaus zu Beleidigung und Unverständnis führte, erzählt Gabi Plattner. Mittlerweile habe sich dies geändert:  Männer* dürfen in Einzelfällen sehr wohl ins Schutzhaus kommen, wenn es vorher mit allen dort lebenden Frauen* abgesprochen wurde.

Weiters sind Plattner keine Männer* bekannt, die in einem österreichischen Frauen*haus mit betroffenen Frauen* arbeiten. Meist wollen das die Betroffenen auch nicht. Da für die Kinder jedoch männliche Identifikationsfiguren sehr wichtig seien, arbeitet das Tiroler Frauen*haus auch mit männlichen Therapeuten* zusammen. Allerdings passiere dies nicht im geschützten Wohnbereich, sondern im getrennten Therapiebereich.

Des Weiteren, stellt die Frage nach der Unterbringung von Frauen* mit über 16-jährigen Söhnen* eine Herausforderung dar. Die jungen Burschen* können sehr wohl bereits als Männer* wahrgenommen werden und fühlen sich oft in einem Frauenhaus auch nicht wohl, meint Plattner dazu. Obwohl auch sie Schutz brauchen, sei das Wohnen in einem geschützten Frauen*- und Kinderraum für sie unpassend. Auch für die betroffenen Frauen* ist diese Situation aufgrund ihrer persönlichen Geschichte oft undenkbar, schildert Gabi Plattner. Bisher habe es diese Situation allerdings sehr wohl gegeben und in Ausnahmefällen sind Jugendliche ins Tiroler Frauen*haus eingezogen, wenn beispielsweise keine andere Einrichtung für die Unterbringung gefunden werden konnte. Allerdings sei dies nur unter bestimmten baulichen Umständen möglich, welche im Tiroler Frauen*haus bisher nicht gegeben waren:  Kleine Zimmer mit Stockbetten, keine getrennten Sanitäranlagen und das Zusammenleben auf engem Raum waren bis vor kurzem Realität.

Gewaltfreiheit barrierefrei machen

Im September 2019 wurde das Tiroler Frauen*haus neu eröffnet. In den neuen Räumlichkeiten können die Betreuungsmöglichkeiten besser auf die individuellen Bedürfnisse der betroffenen Frauen*, Kinder und Jugendlichen eingegangen werden, sagt Gabi Plattner. Es gibt Unterbringungsmöglichkeiten für Frauen*, deren Söhne älter als 16 Jahre alt sind, Zimmer für Frauen* mit Kleintieren und Spezialwohnungen für Frauen* mit Behinderung, auch wenn sie persönliche Assistenz brauchen.

Die Frauen*häuser versuchen grundsätzlich möglichst barrierefrei zu sein: So gibt es beispielsweise die  Gewaltschutzbroschüre in Brailleschrift  und eine Broschüre für Gehörlose. Kontakt mit der Notrufnummer kann auch per Fax oder SMS aufgenommen werden.

Laut statistischen Erhebungen, sind Menschen mit Behinderung viermal öfter von Gewalt betroffen als Menschen ohne Behinderung. Trotzdem ist der Anteil an Frauen* mit Beeinträchtigung im Frauen*haus nicht höher als jener von Frauen* ohne Beeinträchtigung.

Gabi Plattner führt dies auf zu hohe Zugangsbarrieren zurück – nicht nur in baulicher Hinsicht, sondern auch in Bezug auf Information und Aufklärung. Durch die räumlichen Verbesserungen und der Veränderung der Angebote sollen diese Barrieren beseitigt werden. Auch der intensive Austausch und die Zusammenarbeit mit Behinderteneinrichtungen, in denen Gabi Plattner regelmäßig Fortbildungen und Schulungen zur Erkennung und Prävention von Gewalt gibt, sind wichtige Maßnahmen Richtung Barrierefreiheit.

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Gabi Plattner im Stadtbüro des Tiroler Frauen*hauses © Jana-Sophie Heumader

Gleiches Recht … auf Sicherheit

Das Grundthema, das bei männlicher Gewalt an Frauen* nicht aus den Augen verloren werden darf, ist die Gleichberechtigung. Je größer die Abhängigkeit ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit Gewalt zu erleben, schildert Plattner. Investitionen in Geschlechtergerechtigkeit und gesellschaftliche Gleichstellung von Mann* und Frau*, wie gleicher Lohn für gleiche Arbeit, ausreichend Kinderbetreuungsplätze und die Aufteilung von Rechten und Pflichten seien da sehr ausschlaggebende Faktoren. In Österreich gibt es dahingehend noch sehr viel Handlungsbedarf, so Plattner.

Mit der steigenden Anzahl an Frauen*morden, welche sich in den letzten 5 Jahren mehr als verdoppelt hat (19 Morde im Jahr 2014, 41 Morde im Jahr 2018) haben Frauen*häuser  als Schutzeinrichtungen immer wieder mediale Präsenz. Allerdings geht der öffentliche Diskurs teils in eine falsche Richtung. So meint Gabi Plattner, dass die Verschiebung der Thematik männlicher Gewalt an Frauen* in Richtung gewaltbereiter Ausländer*innen und Migrant*innen absolut nicht korrekt ist und die Grundproblematik außenvor lässt. Die Rechnung werde nicht aufgehen, wenn das Thema in Richtung Zugewanderte verschoben wird, da männliche Gewalt an Frauen* weltweit ein Problem ist.

Sind Frauen*häuser noch zeitgemäß?

Als Gabi Plattner begonnen hat, für das Frauen*haus zu arbeiten, ist das Gewaltschutzpaket gerade neu herausgekommen, erzählt sie. Damals hätten Frauen*häuser geglaubt, dass sie von nun an nicht mehr gebraucht werden würden. Aber das Gegenteil habe sich bewahrheitet: Dass durch das Gewaltschutzpaket Gewalt als Delikt gesetzlich festgeschrieben und geahndet wird, sei ein sehr wichtiger Schritt für betroffene Frauen*. Allerdings nehmen sie das Mittel der polizeilichen Wegweisung oft nicht wahr, sondern suchen gleich Schutz und Hilfe im Frauen*haus. In vielen Fällen biete das Betretungs- und Annäherungsverbot den Betroffenen* nicht ausreichend Schutz:  Starke Abhängigkeiten, negative Erfahrungen mit der Polizei oder die Wohnsituation erschweren oft die Umstände. So greife die Wegweisung beispielsweise für Betroffene*, in deren Herkunftsländern die Polizei als nicht vertrauenswürdig gilt, oder für jene, die keinen von ihrem Mann* unabhängigen Aufenthaltstitel haben, zu kurz. Auch wenn der Täter* weggewiesen wird, aber Schwiegereltern noch im selben Haus wohnen, nütze dies wenig.

Eine andere Form des Schutzes vor Gewalt ist beispielsweise das französische Projekt „Home des Rosati“. In diesem Haus werden gewalttätige Männer* von der Justiz untergebracht. Solange eine Kontaktsperre verhängt ist, also maximal drei Monate, können Täter* hier unterkommen. Auch sie erfahren Unterstützung und Betreuung.  Diese Herangehensweise berücksichtigt eine Veränderung der Gesamtsituation – Unterstützung für Opfer* und Täter* – und verzeichnet eine sehr geringe Rückfallquote. Plattner meint dazu: „Ich find ein vielschichtiges Angebot das Um und Auf. Aufgrund der Unterschiede in den Bedürfnissen ist es wichtig auch unterschiedliche Wege oder Auswege aus der Gewaltdynamik zu ermöglichen.“

Ein weiterer Aspekt, den Gabi Plattner kritisch anmerkt, ist die Begrifflichkeit des Frauen*hauses selbst. Dabei werde viel Fokus auf das Geschlecht gelenkt und die Auseinandersetzung mit verschiedenen (Geschlechts-)Identitäten fehle.Vor allem sieht Plattner die Namensgebung auch als historisches Konstrukt, da in den Anfängen der Frauen*hausbewegung klar definiert wurde für wen dieses Haus da ist und wen häusliche Gewalt in erster Linie betrifft. Allerdings werde der Begriff Frauen*haus mittlerweile auch als Marke wahrgenommen und habe sich wörtlich gesprochen bereits einen Namen gemacht.

Österreich – Land der Frauen*(häuser)?

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„Emir für Gabi“, eine Kinderzeichnung im Büro des Tiroler Frauen*hauses. © Jana-Sophie Heumader

Die Finanzierung von Frauen*häusern ist Sache der Bundesländer. Dies schildert Gabi Plattner als Nachteil, weil die Verhandlungsbasis für die Finanzierungen immer der Vergleich ist. Je nachdem, ob mensch sich am bestmöglichen Förderungsmodell österreichweit oder an dem mit den wenigsten Subventionen orientiere, sei die Verhandlungsgrundlage eine gute oder eine schlechte. Daraus ergeben sich sehr unterschiedliche Finanzierungs- und Subventionsmodelle.

In Tirol beschreibt Gabi Plattner die Situation „bewusst als positiv“, da das Frauen*haus im Herbst in neue Räumlichkeiten mit mehr Kapazitäten umgezogen ist. Im neuen Haus finden 15 Frauen*, 15 Kinder und in Notfällen drei weitere Personen Schutz. Dabei stellt sich die Frage was passiert, wenn alle Betten belegt sind? Plattner erklärt, dass dies selten, aber doch passiert und auch schon vier Notaufnahmen in einer Nacht vorgekommen sind. Die eigentliche Frage ist: Was geschieht nach dieser Nacht? In solchen Fällen baue das Tiroler Frauen*haus auf Kontakte mit anderen sozialen Einrichtungen. Es werden EVITA, eine Frauen*- und Mädchen*beratungsstelle in Kufstein, die auch Notwohnungen anbietet oder die Organisation Frauen* helfen Frauen*, die auch ein Schutzhaus für Frauen* und Kinder betreibt, kontaktiert und um Mithilfe gebeten. Es wird auch erörtert, ob eine Unterbringung bei Verwandten oder Bekannten der betroffenen Frau* möglich ist, bis ein Platz frei wird. In Ausnahmesituationen sei es auch schon vorgekommen, dass ein billiges Pensionszimmer zur Überbrückung angemietet wurde.

Genau diese Situation ist untragbar und es müssten zu jedem Zeitpunkt Betten zur Verfügung stehen, auch wenn diese manchmal leer bleiben würden, sagt Plattner dazu. Es gäbe also durchaus Bedarf an einer weiteren Schutzeinrichtung.  Dies wird auch im Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, (Istanbul Konvention, 2014) deutlich. Darin wurde festgeschrieben, dass auf 10.000 Einwohner*innen ein Platz für eine Familie in einem Frauen*haus kommen soll. Um dieser Anforderung in Tirol gerecht zu werden, wären laut der Bevölkerungsprognose des Landes,  für das kommende Jahr insgesamt 76 Unterbringungsplätze notwendig.

Auch das Subventionssystem in Tirol kritisiert Plattner, da für jede Betroffene* ein Tagessatz von 13,80€ pro Kopf anfällt. Auch pro Kind müsse dieser Betrag von der Frau* selbst aufgebracht werden, was in Eingedenk der Höhe auch für berufstätige Frauen* problematisch sei. Dass für den Aufenthalt in der Schutzeinrichtung Frauen*haus bezahlt werden muss, widerstrebe dem Grundgedanken für alle betroffenen, auch oft mittellose Frauen* und Kinder Hilfe zu bieten. Dieser Logik folgend müsste auch abhängig davon, ob Sozialleistungen bezogen werden können, die die Kosten decken, entschieden werden, ob eine Frau* im Frauen*haus unterkommen kann. Die politische Entscheidung nicht die gesamte Finanzierung des Frauen*hauses staatlich beizusteuern, werde mit Spenden gelöst, die ermöglichen, dass Frauen* ohne finanzielle Möglichkeiten diesen Tarif nicht bezahlen müssen.

Abschließend lässt sich also sagen, dass sich Frauen*häuser unterschiedlichsten Herausforderungen und Fragen stellen müssen. Sei es die Barrierefreiheit, die Geschlechtersensibilität oder die Finanzierung – Österreichs Frauen*häuser müssen sich als Organisation reflektiv selbst hinterfragen und flexibel bleiben. Auch die nötige finanzielle Anerkennung seitens politischer Entscheidungsträger*innen ist ausbaufähig und es scheint als würde Österreich die Rolle der Schutzhäuser noch nicht endgültig anerkennen. Trotz der medialen Präsenz rund um männliche Gewalt an Frauen*, sieht Gabi Plattner keine direkte Verbesserung für Frauen*häuser – Ausfinanzierung, Ausbau der Kapazitäten und politischer Rückhalt sind weiterhin wichtig. Diese Probleme ziehen sich seit Gründung der Schutzhäuser durch ihre Geschichte und es scheint als würde dadurch die Prozesshaftigkeit rund um die Weiterentwicklung geschwächt werden. Wer um Finanzierung bangt, hat wenig Kopf sich mit neuen Konzepten zu befassen – Österreich, kümmere dich um deine Frauen*(häuser)!

Weitere Informationen und Anlaufstellen

Was Gabi Plattner noch wichtig ist: „Interessanterweise stellt man sich immer vor, mit dem Frauen*haus kann man nur Kontakt aufnehmen, wenn man wirklich schon die Koffer gepackt hat.“ Das Frauen*haus ist allerdings nicht „nur“ ein Schutzhaus, sondern auch eine Beratungsstelle, die kontaktiert werden kann, um sich Unterstützung zu holen auch ohne ins Frauen*haus zu ziehen.

  • Frauen*helpline: 0800/222 555 (österreichweit, anonym, rund um die Uhr, kostenlos)
  • Frauen*helpline gegen Gewalt für gehörlose Frauen*
  • Interaktive Website für Kinder und Jugendliche gegen häusliche Gewalt
  • HelpCh@t Onlineberatung für Frauen* und Mädchen* (jeden Montag von 19.00 bis 22.00, außer an Feiertagen)

Rebellische Plaudertasche mit stylischer Nerd Brille. Einzige Tirolerin, die nicht Skifahren kann. Vegetarische Schweineliebhaberin, große Schwester und Feministin.

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