Obdachlosigkeit

Obdachlosigkeit – Jede*r kann auf der Straße landen

„Die sind doch selber Schuld“, hört man oft, wenn es um Obdachlosigkeit geht. Warum Wohnungslosigkeit aber tatsächlich ein strukturelles Problem ist, und dass es allen passieren kann, wohnungslos zu werden, will ich in diesem Beitrag zeigen.

Die Mariahilfer-Straße, an einem Samstag kurz vor Weihnachten. Es ist schon dunkel, und trotzdem herrscht noch reges Treiben auf Wiens größter Shoppingmeile. Menschen hetzen von einem Geschäft zum nächsten, auf der Suche nach den letzten Weihnachtsgeschenken. Und dazwischen – immer wieder Obdachlose und Bettler*innen. Sie sitzen am Straßenrand auf Decken oder mischen sich ins Gedränge, in der Hoffnung darauf, dass ihnen jemand ein bisschen Kleingeld abtritt. Aber kaum jemand nimmt Notiz von ihnen. Die Leute ignorieren sie, laufen an ihnen vorbei oder machen einen Bogen um sie. Auch ich ertappe mich dabei, wie ich dem Blick eines Mannes ausweiche, der mir seinen Pappbecher hinhält, und stattdessen auf meine Schuhe starre, während ich mich an ihm vorbeidrücke.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Menschen sind oft unsicher, wenn es darum geht, wie sie sich gegenüber Obdachlosen verhalten sollen. Soll man ihnen Geld geben? Aber schadet ihnen das nicht eher, als es ihnen nützt? Und überhaupt, sind die nicht selber Schuld an ihrem Schicksal? Wir haben doch Notstand, Mindestsicherung, genug Netze, die Menschen in schwierigen Situationen auffangen. Da muss doch niemand auf der Straße leben, oder?

Wie sich herausstellen sollte, ist es leider nicht so. Es gibt genug Menschen, die durch alle sozialen Netze fallen. Es gibt Menschen, die vorhandene Angebote nicht nutzen (können), weil sie nicht darüber Bescheid wissen, weil es bürokratischen Aufwand erfordert, sie zu bekommen, oder weil Armut und Wohnungslosigkeit nach wie vor mit so starken Stigmata behaftet sind, dass Hilfsbedürftige keine Unterstützungsleistungen annehmen wollen, weil sie sich ihre Situation dann vor sich selbst und ihrem Umfeld eingestehen müssten.

Wohnungslosigkeit ist kein Einzelschicksal

Aktuell sind in Österreich ungefähr 21.600 Menschen wohnungslos. 8.700 davon leben in Einrichtungen für Wohnungslose, also zum Beispiel Übergangswohnungen, Betreutes Wohnen, Frauenhäuser und Ähnlichem, 13.900 haben eine Hauptwohnsitzbestätigung, sind also tatsächlich obdachlos und leben auf der Straße oder übernachten in Notschlafstellen. Das zumindest ergibt eine 2017 durchgeführte Studie des Sozialministeriums, die Dunkelziffer dürfte aber noch weit höher sein.

Der Hauptgrund für Wohnungslosigkeit sind Delogierungen aufgrund von Mietzinsrückständen. Wie es so weit kommen kann, ist unterschiedlich. Die häufigste Ursache ist Arbeitslosigkeit, daneben spielen aber auch oft physische oder psychische Krankheiten eine Rolle. Ein weiterer Grund für Wohnungslosigkeit ist das Ausziehen aus einer gemeinsamen Wohnung. Gibt es Konflikte mit den Eltern oder dem Partner/der Partnerin haben Betroffene oft keine andere Wahl, als auszuziehen, ohne eine andere Wohnung zur Verfügung zu haben.

Dass Wohnungslosigkeit eben kein Einzelschicksal sondern ein strukturelles Problem ist, zeigt ein Vergleich mit Wirtschaftsdaten: je angespannter die Situation am Arbeitsmarkt und je höher die Wohnkosten, desto höher auch die Zahl der Wohnungslosen. So ist nach der Weltwirtschaftskrise 2009 die Zahl der Menschen ohne Wohnung sprunghaft angestiegen, seit 2013 sinkt sie zwar wieder stetig, aber das Niveau von 2009 ist noch lange nicht wieder erreicht. 

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Nach vier Jahren Wohnungslosigkeit hat Norbert jetzt wieder eine eigene Wohnung. Auch
wenn er einmal nicht mehr bei Shades Tours ist, will er sich weiterhin gegen Wohnungslosigkeit
engagieren. © Felicia Steininger

Wie wird man obdachlos?

Um die Hintergründe von Wohnungs- und Obdachlosigkeit besser zu verstehen, habe ich mit einem ehemaligen Betroffenen gesprochen. Norbert ist Guide bei ShadesTours, einer gemeinnützigen Organisation, die unter anderem Stadtführungen von aktuellen oder ehemaligen Betroffenen zum Thema Obdachlosigkeit anbietet. Er passt nicht in das klassische Bild, das wir von Wohnungslosen haben. Er ist mit Hemd, Weste und elegantem schwarzen Mantel fein gekleidet und drückt sich sehr gewählt aus. Auch als er noch auf der Straße lebte, achtete er immer auf sein Äußeres, wie er erzählt. Die Menschen, die wir auf der Straße als Obdachlose erkennen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Der größte Teil der Wohnungslosigkeit ist unsichtbar. Auch Norberts Geschichte ist eher außergewöhnlich: Nachdem er die Firma übernommen hatte, bei der er zuvor lange angestellt war, wurde er von einem Geschäftspartner über den Tisch gezogen. Weil sein Konto gesperrt wurde, konnte er seine Miete nicht mehr bezahlen und verlor so seine Wohnung. Gerät man in Mietrückstand, bekommt man einen Brief von der Fachstelle für Wohnungssicherung (FAWOS). Ziel ist es, ein bindendes Betreuungsverhältnis einzugehen, durch das den Betroffenen geholfen werden soll, ihre Schulden zurückzuzahlen und so den Wohnungsverlust abzuwenden.

 

 

Kommt es zu einem solchen Verhältnis, kann eine Räumungsklage häufig abgewendet werden, in vielen Fällen kann aber gar kein Kontakt zu den Betroffenen aufgebaut werden. Der Brief wird ignoriert oder erst gar nicht geöffnet, weil man mit der Situation überfordert ist, keine Energie mehr hat seine Post zu bearbeiten, oder weil schon zu oft schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht wurden. Norberts Fall scheiterte an einer versäumten Frist. Der Erfolg des Verfahrens hängt natürlich immer auch vom Entgegenkommen des Hausbesitzers ab.

Die Hürden der Informationsbeschaffung

Ein großes Problem, dass sich bei unserem Gespräch herauskristallisiert, ist die Informationsbeschaffung. In Wien gibt es ein vielfältiges Angebot für Wohnungslose, es gibt 300 Notschlafstellen und zahlreiche Einrichtungen für unterschiedliche Arten betreuten Wohnens. Die Informationen dazu, welche Angebote es gibt und wie man dazu kommt, muss man sich aber selbst beschaffen. Um einen Platz in einem Wohnheim zu bekommen, braucht man außerdem eine Förderbewilligung von der Wiener Wohnungslosenhilfe. Die Voraussetzungen dafür sind ziemlich rigide, unter anderem darf man kein Vermögen besitzen, es muss sich nachweislich um eine soziale Notlage handeln, und man muss die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. Der bürokratische Aufwand, der hier entsteht, ist auch unter normalen Umständen eine Herausforderung. Wenn man aber bereits auf der Straße lebt, sich damit um das tägliche Überleben sorgen muss und vielleicht eine Depression durchmacht, kann der Behördendschungel überwältigend sein. So landen viele Menschen auf der Straße, die sonst sofort in Wohnheimen unterkommen könnten. Auch Norbert wurde beim ersten Versuch abgewiesen, obwohl er eigentlich alle Voraussetzungen erfüllte. Erst als er es dann ein zweites Mal versuchte, nachdem er sich selbst die nötigen Informationen beschafft hatte, erhielt er doch eine Förderbewilligung. Norbert war insgesamt vier Jahre lang wohnungslos. Schließlich bekam er einen Platz in einem Übergangswohnheim, über das er dann zu ShadesTours kam. Seit Kurzem verfügt er wieder über eine eigene Wohnung. Nach vier Jahren Wohnungslosigkeit hat Norbert jetzt wieder eine eigene Wohnung. Auch wenn er einmal nicht mehr bei Shades Tours ist, will er sich weiterhin gegen Wohnungslosigkeit engagieren.

Kann Obdachlosigkeit verhindert werden?

Österreich ist ein reiches Land. Könnte es da nicht zumindest verhindert werden, dass Menschen auf der Straße leben, wenn Wohnungslosigkeit schon nicht ganz verhindert werden kann? Tatsächlich gibt es große Fortschritte im Umgang mit bereits Betroffenen. Zum Beispiel ist mittlerweile europaweit anerkannt, dass „Housing First“ in verstreuten Wohnungen, also die schnelle und bedingungslose zur Verfügungsstellung einer permanenten Wohnung wesentlich erfolgsversprechender ist, als an Bedingungen geknüpfte Plätze in Übergangswohnheimen. Der Trend geht auch in diese Richtung – in Wien ist die Umsetzung des „Housing First“-Ansatzes bereits seit 2010 im Regierungsprogramm festgeschrieben, Maßnahmen in diese Richtung müssen aber noch ausgebaut werden.

Was muss laut Norberts persönlicher Erfahrung verbessert werden? „Es geht immer um Information. Wenn ich die Information nicht habe, dass es Stellen gibt, die Unterstützung anbieten, kann ich sie auch nicht nutzen.“ Und: „Man müsste mehr Betreuungspersonal einstellen. In meinem Wohnheim, da haben ungefähr 70-80 Menschen gewohnt, für die zwei Sozialarbeiterinnen zuständig waren. Die sind natürlich überfordert.“

Außerdem wäre ein unbürokratischerer Zugang zu Förderung und Internet in den Übergangswohnheimen wichtig, sagt er. Denn ohne Internet ist die Wohnungs- und Jobsuche unnötig schwierig. Zur Prävention fehlen noch umfassende Konzepte. Das Neunerhaus, eine private Organisation zur Unterstützung wohnungsloser Menschen fordert dazu in einem 2019 veröffentlichten Fokuspapier vor allem den massiven Ausbau von leistbaren Wohnraums sowie einen vereinfachten und schnellen Zugang zu geförderten Wohnungen für akut von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen.

Es gibt also viele Ansätze zur Einschränkung von Wohnungslosigkeit, aber bis zu deren Umsetzung dauert es wohl noch eine Weile. Bis dahin: Wie soll man jetzt mit Wohnungslosen umgehen? Ob man Geld oder Essen geben will, muss jeder selbst entscheiden, sagt Norbert dazu. „Das Wichtigste, wenn man einen Obdachlosen sieht, ist, ihn mit Respekt zu behandeln, auch der hat seine Geschichte. Im Winter kann man das Kältetelefon anrufen, aber sonst… Die meisten wollen ohnehin in Ruhe gelassen werden.“ Helfen kann man aber am besten, indem man eine Organisation unterstützt, die in der Wohnungslosenhilfe tätig ist.

Hier noch einige Hilfsorganisationen und Anlaufstellen

Kältetelefon  der Caritas 01 480 45 53

Shades Tours 

Neunerhaus 

VinziWerke

Hohe Literatur lesende, sympathische Besserwisserin aus Wien. Kocht gerne, aber schlecht, da sie sich nie ans Rezept hält. Geht offen durch’s Leben & liebt ihre zwei Katzen.

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