© Chiara Scherf

Shades Tour: Von Obdachlosen lernen

Eine kleine Gruppe schlendert bei eisiger Kälte durch die historischen Gassen Wiens und denkt gar nicht daran, wieder heimzugehen. Christa, ihre Tourleiterin, erzählt ganz nah über das Leben der Wiener Obdachlosen.  Die Shades Tour ist eine Stadtführung der besonderen Art.

Es könnte ironischer und in sich widersprüchlicher nicht sein. In der Bäckerstraße 18, mitten im ersten Wiener Gemeindebezirk, wartet eine kleine zehnköpfige Gruppe vor der Akademie der Wissenschaften auf eine Stadtführung über Obdachlosigkeit. Es ist ein typischer Dezemberabend in Wien, kalt, etwas windig und entlang der Straße spazieren einige Tourist*innen eingepackt in warmer Winterkleidung, manche von ihnen sind mit einem Fotoapparat ausgerüstet.

Christa (Anmerkung: Name von der Redaktion geändert), die heutige Stadtführerin, wartet geduldig auf die letzten Besucher*innen, die sich wohl ein wenig verspäten. Sie selbst trägt einen langen weißen Wintermantel, ihre brünetten Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden und ihre ledernen Handschuhe wärmen ihre zarten Hände. So steht sie da, neben alten, prunkvollen historischen Gebäuden und wartet.

Dass Christa sich das Leben hier, im ersten Bezirk, niemals leisten könnte, ahnt man nicht, wenn man sie hier so stehen sieht. Aber Christa ist obdachlos. Vor einigen Jahren hat sie der Krebs heimgesucht und sie hat ihren Job verloren. Davor führte sie ein anderes Leben, Christa war selbstständig und hatte festen Halt. Dieses Leben aber hatte sie aufgeben müssen. Den Krebs hat Christa mittlerweile besiegt, aber auf ihren Schultern lastet ein riesiger Schuldenberg, den sie an die SVA (= Sozialversicherungsanstalt) zurückzahlen muss beziehungsweise will. Einen neuen Job hat Christa noch nicht gefunden. Jetzt ist sie ehrenamtlich tätig, studiert nebenbei und macht Führungen bei den ShadesTours. Und genau so eine Führung findet heute in der Wiener Innenstadt statt.

Vor der Akademie der Wissenschaften wartet die Gruppe also, als Christa schließlich über die ShadesTours zu erzählen beginnt. Alle zehn Augenpaare sind auf sie gerichtet, alle hören aufmerksam zu. „Heute werden wir kein Augenmerk auf die Sehenswürdigkeiten legen. Wir haben eine andere Mission“, beginnt Christa zu erzählen. Die Gruppe, die Christa heute durch Wien führen wird, hat einen ziemlich niedrigen Altersschnitt. Eine evangelische Jugendgruppe, die kurz vor ihrer Firmung steht, eine junge Studentin sowie ein junges erwachsenes Pärchen werden Christas Schritten heute folgen.

ShadesTours als gewinnorientiertes Unternehmen

Christa erzählt, dass ShadesTours anders als oft angenommen, kein Verein und auch keine NGO ist. „Weiß jemand von euch, was eine NGO ist?“, fragt Christa die 13-Jährigen. Christa kann gut mit jungen Menschen umgehen, das fällt sofort auf. Sie weiß, wie man mit ihnen reden muss – und die Jungen sind begeistert, ständig werfen sie Fragen oder Anmerkungen ein. „Die größte NGO ist die Caritas von der katholischen Kirche“, sagt ein Junge und die Gruppe beginnt zu lachen – wissend, dass die meisten hier evangelisch sind. Die Stimmung beginnt sich aufzulockern. Alle sind entspannt, interessiert und niemand scheint sich davor zu scheuen, Christa Fragen zu stellen.

ShadesTours ist also ein Unternehmen, ein Social-Enterprise–Unternehmen. Das heißt, sie arbeiten gewinnorientiert, befolgen aber gleichzeitig ein soziales Anliegen. Das Thema Obdachlosigkeit ist nicht das einzige, das ShadesTours anspricht. Es gibt auch Führungen zum Thema Sucht und Drogen sowie eine Führung über Flucht und Migration. Angeboten werden diese Führungen in Wien und Graz. Eine Tour dauert zirka anderthalb bis zwei Stunden und kostet zwischen 10 und 18€.

Nachdem einige offene Fragen rund um das Thema Obdachlosigkeit geklärt sind, geht es schließlich auf zur ersten Destination. Die Gruppe folgt Christa, wie sie quer durch die weihnachtlich beleuchteten Gassen spaziert. Währenddessen erzählt Christa nichts, auch die Besucher*innen verhalten sich auffallend ruhig – sie scheinen die ganzen neuen Informationen erstmals zu reflektieren.

Der schnelle Fall in die Obdachlosigkeit

Angekommen bei einem kleinen leeren gepflasterten Platz, dem Platz ohne Namen, wie Christa ihn nennt, schildert sie, wie schnell man in die Obdachlosigkeit rutschen kann. „Das geht oft Schlag auf Schlag“, so Christa. Sie lässt die Besucher*innen der Shades Tour raten, welche Situationen zur Obdachlosigkeit führen können – die Jugendlichen heben sofort eifrig ihre Hände, um mitzuraten. Christa erzählt schließlich auch von ihrer eigenen Geschichte, von ihrer Krankheit und wie sie durch den Jobverlust obdachlos wurde. „Aber Sie haben Ihre Krankheit besiegt?“ fragt ein Mädchen besorgt und atmet erleichtert auf, als Christa bejaht.

Sechs Klöster stillen hungrige Mägen

Leicht bedrückt und ein bisschen nachdenklich spaziert die kleine Gruppe weiter zum Franziskanerplatz, einem kleinen historischen Platz, wo sich auch das katholische Kloster der Franziskaner befindet. Vor dem Eingang des Klosters bleibt Christa stehen und die Gruppe bildet einen Halbkreis um sie. „Hier gibt es jeden Tag von neun bis elf Sandwiches zu essen“, beginnt Christa wieder zu erzählen. „Insgesamt gibt es sechs Klöster in Wien, die Obdachlose mit Essen versorgen.“ Sechs Mal pro Tag haben Obdachlose also die Möglichkeit ihren Hunger zu stillen. „Aber manche haben oft gar keine Zeit hierher zu kommen, weil sie die Zeit für das Betteln nutzen“, stellt Christa klar. Ebenfalls stellt Christa klar, dass jede*r zum Essen hierherkommen kann. Ihr sei aufgefallen, dass immer mehr Mindestpensionist*innen hier speisen. „Sie stehen vor der Entscheidung: Heizung oder Essen? Und dann kommen sie zum Essen hierher.“

Der Wunsch nach einer Gemeinde-
bauwohnung

Die Wiener Innenstadt ist bekannt für ihren schönen, prachtvollen Bauten. Mitten im historischen Zentrum, in der Johannesgasse, lässt sich aber auch ein Gemeindebau aus dem Jahr 1954 finden. Hier hält die Gruppe wieder an. „Gemeindebauten spielen eine ganz besondere Rolle für Obdachlose“, klärt Christa auf. Sie seien die einzige Möglichkeit, wieder eine Wohnung zu bekommen. Denn für eine Wohnung im Gemeindebau, muss anders als bei privaten Wohnungen, kein Lohnzettel vorgezeigt werden. Zusätzlich sind die Wohnungen im Gemeindebau unbefristet, im Vergleich zu Privatwohnungen günstiger und auch kleiner. Obdachlose wünschten sich oft nur eines, meint Christa: „Endlich wieder Privatheit.“

 

© Chiara Scherf

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Bis Obdachlose in eine Gemeindebauwohnung einziehen können, ist es oft ein langer Weg. Voraussetzung dafür ist nämlich, dass man seit mindestens zwei Jahren in Wien gemeldet ist. „Aber als Obdachloser bist du ja gar nicht gemeldet“, wirft ein Besucher ein, als Christa das System erklärt. „Genau, und deswegen ist es so schwierig, wieder eigene vier Wände zu bekommen“, bestätigt Christa. Obdachlose mit Anspruchsberechtigung (das heißt, sie sind offiziell Wiener*innen) haben die Möglichkeit, sofern Platz besteht, in sogenannten Übergangswohnheimen zu leben. Derzeit leben 6500 Menschen in solchen Wohnheimen. Über 90 Prozent der Bewohner*innen bleiben exakt zwei Jahre dort – dann haben sie das Recht auf eine Wohnung im Gemeindebau.

Christa selbst hat es noch nicht in ein Übergangswohnheim geschafft. Sie übernachtet in einer der vielen Notschlafstellen. Ihr Ziel sei es, eine Gemeindebauwohnung zu bekommen, erzählt sie und blickt hinauf auf den weißen Gemeindebau, vor dem die Gruppe steht. „In zwei bis drei Jahren kann man es dahin schaffen“, sagt Christa mit einer hoffnungsvollen Stimme.

Mittlerweile sind schon anderthalb Stunden vergangen und die Besucher*innen der Shades Tour reiben immer öfter an ihren Händen, um sich anzuwärmen. „Jetzt haben wir nur noch eine Station vor uns“, sagt Christa und fordert die Gruppe auf, ihr zum Stadtpark zu folgen. So schlendert die Gruppe die Johannesgasse entlang, bis sie schließlich in einem kleinen Pavillon am Stadtpark ankommt. 

Ein paralleles Medizinsystem für Obdachlose

Ein paar der Jugendlichen setzen sich auf die kalte Steinbank im Pavillon und hören Christa wieder aufmerksam zu, wie sie über die Gesundheitsversorgung der Obdachlosen informiert. Christa spricht von Zeltverboten, dem Medizinsystem und von Krankenversicherungen. „Die Hälfte aller Obdachlosen hier ist nicht krankenversichert. Das betrifft hauptsächlich Nicht-Österreicher*innen.“ Christa selbst ist krankenversichert und geht auch regelmäßig zu ärztlichen Untersuchungen.

 

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Der Pavillon im Stadtpark © Chiara Scherf

Christa meint, dass vor allem im Sommer viele draußen übernachten müssen. „Das ist auf Dauer nicht gesund“, bedauert sie. „Aber wie werden die dann versorgt?“, fragt eine Besucherin. Nun beginnt Christa von dem parallelen Medizinsystem zu erzählen, das sich in Wien entwickelt hat. Die Caritas fährt einen Bus mit Ärzt*innen durch Wien und versorgt Kranke. Für akutere Fälle gibt es ein eigenes Krankenhaus. Viele Dienste, auch die Notschlafstellen, werden zum Teil von der Stadt Wien und zum Teil durch Spenden finanziert. „Wien ist wirklich eine Vorzeigestadt“, meint Christa, „Der soziale Standard ist der höchste in Österreich.“Auf die Frage, ob sie sich von der Politik oder der Stadt Wien noch etwas wünschen würde, weiß sie jedoch eine klare Antwort. „Ich wünsche mir, dass man uns nicht zwei Jahre warten lässt, bis wir das Recht auf eine eigene Wohnung haben – das würde einiges erleichtern.“

Auch einer der Jugendlichen hat zum Abschluss noch eine Frage an Christa. „Gibt es noch andere Shades Touren mit Ihnen?“ „Nein“, sagt Christa und lacht verlegen. „Aber das hat heute echt Spaß gemacht mit Ihnen!“

 

weiterführende Informationen 

 

Feminismus- und Kernöl Expertin. Bekennender Sturm der Liebe-Fan (and proud!). Erforscht leidenschaftlich gern bisher unentdeckte Ecken Wiens. Schreibt für einen allseits renommierten Jugendblog “Youth reporter".

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