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Sport für die Seele – SeelenSport

Katrin Biber ist Unternehmerin, Speakerin und Autorin. Nach ihrem ersten Buch „Larissas Vermächtnis. Der schreckliche Mord an meiner Schwester und mein Weg zurück ins Leben“, hat sie nun ein weiteres verfasst: „SeelenSport. Bewege deinen Körper und Stärke deine Seele – Trauer, Wut, Freude und Angst im Training ausdrücken“. Klammerauf hat mit ihr über SeelenSport, Emotionen und Trauerarbeit gesprochen.

Im Jahr 2013 wurde Katrins jüngere Schwester Larissa mit 21 Jahren ermordet. So unterschiedlich die Geschichten hinter der Trauer sind, so unterschiedlich sind auch die Wege mit ihr umzugehen. Katrin findet ihren Umgang mit dem Todesfall nach langer Suche unter anderem im Sport, den ihre Schwester so liebte. Sie entwickelt ein emotionsbasiertes Trainingskonzept – SeelenSport. SeelenSport ist ein Zusammenspiel aus körperlichem Training und Emotionen, das den Körper gesamtheitlich stärkt. Derzeit ist Katrin Biber in der Unternehmensführung tätig, arbeitet im Marketing, schreibt einen Blog, bildet weitere SeelenSport Trainer*innen aus und ist werdende Mutter.

Klammerauf: Wer nutzt Seelensport primär? In welcher Lebenssituation befinden sich SeelenSportler*innen abgesehen von ihrer Trauer?

Katrin Biber: Es ist ganz spannend von der Altersgruppe her. Die Jüngste, die bei einer Erholungswoche dabei war, war 11 Jahre alt. Das Mädchen hat gemeinsam mit ihrer Mama teilgenommen, nachdem ihr Papa verstorben ist. Die Älteste im Training war 74 Jahre alt. Sie hat ihr Leben lang Pilates gemacht und ihren Sohn verloren – vom Alter her ist also wirklich alles dabei. Ich habe mir am Anfang gedacht, dass es eher Menschen um die 50 werden, weil da der Tod mehr ins Leben kommt. In meiner ersten Gruppe waren allerdings hauptsächlich Student*innen. Sonst ist auch beruflich gesehen alles dabei – egal ob die Lehrerin, die Hausfrau oder die Marketingchefin.

Es kommen außerdem nie Menschen zu mir, die noch nie Sport gemacht haben oder total unsportlich sind. Die gehen dann wahrscheinlich eher in die Musiktherapie oder Kunsttherapie. Bei den Teilnehmer*innen handelt es sich um Menschen, die schon immer Bezug zu Sport gehabt haben, die meisten davon sind Frauen.

Klammerauf: Es gibt nur einen SeelenSport-Trainer und im Buch beschreibst Du, dass zu 95% Frauen den SeelenSport in Anspruch nehmen. Welche Diskrepanz gibt es zwischen SeelenSport und den Bedürfnissen trauernder Männer?

Katrin Biber: Ich glaube Männer tun sich schwerer. Definitiv nicht biologisch, sie weinen genauso und sind genauso wütend – aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie sie zu trauern haben,  sind anders. Es ist üblich als Mann der „starke“ Teil der Familie zu sein, die finanzielle Grundlage zu sichern und sich im Gegensatz zu Frauen keine Auszeit im Trauerfall zu nehmen. Da ist dieser Unterschied noch sehr stark vertreten und sichtbar. Auch innerhalb des Freundeskreises zeigt sich dieser Unterschied. Ich hatte einen jungen Mann nach dem Tod seines Vaters im Training, er hat mir erzählt seine Kollegen reagieren mit: „Ja, komm, trink a Bier und dann geht scho wieder“. Schmerz beziehungsweise Trauer werden also tabuisiert. Es gibt die Anforderung dies nicht auszudrücken. Im Kurs meinte dieser Mann, er sei so dankbar hier einfach Mensch sein zu dürfen. Er hat auch sehr viel geweint. Das hat mich sehr berührt, weil es so schade ist. Wir sind alle Menschen und diese Gefühle beschäftigen uns gleichermaßen! Außerdem holen sich Männer eher Hilfe bei anderen Männern.

Ich war am Anfang alleine, also die einzige SeelenSport-Trainerin. Der trainerische Aspekt, also als Trainerin Übungen vorzeigen und andere auch Auszubessern, macht es zusätzlich schwierig glaube ich. Männer fühlen sich eher angegriffen, wenn ihnen eine Frau zeigt wie zum Beispiel Liegestütze richtig ausgeführt werden. Ich merke aber, dass das Interesse seitens der Ausbildung immer größer wird bei Männern. Wenn dann Trainer da sind, wird die Nachfrage auch steigen. Der SeelenSport-Trainer in Leipzig leitet zum Beispiel eine Männergruppe und erzählt, dass da auch Männer kommen. Außerdem wäre es sicher hilfreich starke, öffentlichkeitswirksame Vorbilder zu haben, die offen und ehrlich über ihre Gefühle sprechen. Nehmen wir einen Skifahrer, zum Beispiel Marcel Hirscher, der einen Verlust erlebt und vielleicht sogar öffentlich weint. Solche Vorbilder bräuchte es vermehrt, damit könnte sich schon vieles verändern und auch Männern das Trauern erleichtert werden. 

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© Peter Koren

Klammerauf: Du beschreibst im Buch, dass negative Gefühle sehr oft keinen Platz haben, nur positive. Auch weil mensch in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft funktional sein und bleiben muss und negative Gefühle dazu nicht beitragen. Welche Auswirkungen hat diese toxische Positivität?

Katrin Biber: Sehr gefährliche Auswirkungen! Diese Haltung macht Menschen krank. Nehmen wir mich als Beispiel: Es ist ein paar Wochen her, ich bin supertraurig. Ich weine viel und am Anfang können die Tränen nicht kontrolliert werden. Die müssen fließen, die ganzen Stresshormone müssen aus dem Körper raus. Dann kommt jemand und der typische, toxisch positive Satz ist: „Aber deine Schwester war so ein lebensfroher Mensch, sie hat immer gelacht. Du musst jetzt für sie lachen!“ Fuck, ich vermisse gerade meine Schwester, wenn ich das so sagen darf. Ich bin gerade traurig und will das jetzt auch sein. Uns ist oft nicht bewusst, dass Trauer von selbst wieder abnimmt. Die Freude kommt automatisch wieder. Aber nur wenn wir der Traurigkeit Raum geben. Sie nimmt zu und endet in Frustration und Krankheit, wenn wir sie nicht beachten. Sie schlummert in uns und wir müssen sie dann unterdrücken. Für eine Weile lang funktionieren wir, aber irgendwann kommt der emotionale Zusammenbruch. Dann ist es aber vielleicht schon zu spät und es entsteht beispielsweise eine Depression. Da herauszukommen ist um einiges schwieriger, als einen gesunden Trauerprozess zu durchleben. Deswegen empfinde ich es als sehr gefährlich Menschen diese toxische Positivität entgegen zu bringen.

Klammerauf: Wie kann diese toxische Positivität untergraben und verhindert werden? 

Katrin Biber: Als Betroffene*r ist es enorm schwierig dagegen anzugehen. Ich sage immer: Wenn ihr es schafft die Kraft und den Mut aufzubringen, dann versucht zu euch zu stehen und das klar zu kommunizieren. Wenn so ein Satz kommt wie vorher bei meinem Beispiel, kann ich dagegen sagen: „Ich verstehe dich, das ist mir alles bewusst, danke für die Erinnerung. Ich bitte dich aber auch zu verstehen, dass meine Traurigkeit gerade da ist (weil meine Schwester kürzlich verstorben ist). Ich weiß, dass dich das auch berührt. Für mich ist es gerade wichtig da zu sein und ich brauche diese Traurigkeit.“ Vielleicht auch versuchen ruhiger zu sprechen, was extrem schwierig ist, wenn du gerade emotional sehr mitgenommen bist. Das ist fast unmöglich, aber es gibt auch Tage, an denen solche Dinge besser ausgedrückt und verbalisiert werden können. Es ist immer wieder wichtig zu erklären und zu verdeutlichen was diese Traurigkeit ist. Ich kann das mittlerweile recht gut. Aber gerade am Anfang, wenn die Beschäftigung mit Trauer und Gefühlen noch neu ist, dann ist das fast nicht möglich. 

Klammerauf: Wie kann bzw. sollte gesellschaftlich mit Trauer und Trauernden umgegangen werden? 

Katrin Biber: Was ich sehr sinnvoll finde ist immer wieder davon zu sprechen, darüber zu schreiben und zu berichten, wie wir auf Trauernde zugehen können und warum es wichtig ist, Traurigkeit zuzulassen. Wenn es medial immer wieder aufgegriffen wird und ich es immer wieder zu lesen bekomme, dann begreife ich es immer besser und es wird verständlicher. Jede*r kennt immer jemanden, der*die gerade jemanden verloren hat und sich gerade hilflos fühlt. Dieses Thematisieren kann einfach auch eine Unterstützung in der Begleitung von Trauernden sein. Ich habe beispielsweise den Blogartikel „Vermeide diese 13 Sätze bei einem Trauernden – Und was du stattdessen sagen solltest!“ geschrieben. Der ist viral gegangen und meine Seite ist eingestürzt. Das zeigt einfach den Bedarf und wie überfordert die Leute sind. So können wir viel verändern und verbessern, aber es dauert halt seine Zeit. Es ist wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen.

Trauern – wer kann sich das leisten?

Klammerauf: In deinem ersten Buch „Larissas Vermächtnis“ beschreibst du auch innerhalb deiner Familie sehr unterschiedliche Lebensumstände und damit einhergehend verschiedene Trauersituationen. Wer kann sich Trauer(arbeit) leisten?

Katrin Biber: Das ist eine gute Frage. Vor allem wenn man finanziell gezwungen ist, schnell wieder in die alte Lebenssituation zurück zu müssen. Bei mir selbst war der Anfang noch „leicht“, weil ich aufgrund einer Verletzung am Bein krankgeschrieben war. Trotzdem habe ich diesen enormen Druck gehabt, dass ich schnell wieder in die Arbeit zurück muss – einerseits von der Familie und andererseits gesellschaftlich im Sinne von „du musst wieder zurückfinden“.

Da finde ich, wird noch viel zu wenig getan. Trauer ist keine Krankheit, aber es sollte trotzdem Unterstützungsmöglichkeiten geben. Wenn Trauer nämlich nicht leistbar ist und niemand Hilfe in Anspruch nehmen kann, dann wird sie schnell zur Krankheit. Das Ganze wird auch staatlich und wirtschaftlich sehr teuer, weil man psychische Krankheiten entwickeln und dann oft jahrelang nicht arbeiten kann. Vor allem am Anfang wäre es wichtig, Möglichkeiten zu finden, die Trauernde unterstützen. Der*diejenige soll statt 40 nur 20 Stunden in seiner*ihrer Firma arbeiten, wenn er*sie gerade nicht mehr schafft und bekommt  für den  Zeitraum eventuell ein anderes Tätigkeitsfeld. Das habe ich bei vielen Trauernden bereits erlebt, beispielsweise bei meiner jüngsten Schwester Mara. Sie war anfangs im direkten Kund*innenkontakt tätig und musste ständig weinen. Sie wurde ins Lager versetzt und so konnte sie super arbeiten, dort stört es niemanden, wenn die Tränen einmal kommen. Trauerarbeit kann sich aber kaum jemand leisten.  In der Trauer nach dem Tod braucht es Integration und nicht ein Ausschalten und Ausmerzen – es funktioniert nur nebeneinander. Für dieses Nebeneinander fehlen aber einfach die Unterstützungsmöglichkeiten.  

Trauerarbeit kann sich kaum jemand leisten.

Klammerauf: Wo kann mensch sich Hilfe in einer Trauersituation suchen? 

In Hospizen und karitativen Vereinen gibt es mittlerweile kostenfrei die Möglichkeit sich Hilfe zu holen. Was dabei oft ein wenig problematisch ist, und ich war selbst schon in so einem Trauercafé, ist dass solche Initiativen sehr stark mit dem Glauben verbunden sind. Religiöse Vereine, die sehr stark in Richtung Beten und Seelsorge gehen, sprechen junge Menschen einfach nicht an. Junge Leute wollen eher auf weltlichem Weg die Trauer verarbeiten. In meiner Gruppe sind dann genau diese Jungen und kommunizieren mir auch, dass sie anders mit ihrer Trauer umgehen wollen.

Klammerauf: Inwiefern bedenkt SeelenSport Menschen, die sich teure Trauerangebote nicht leisten können, und Menschen in prekären Lebenssituationen? 

Katrin Biber: Das ist für mich ein Riesenthema. Ich hadere schon seit Jahren damit, wie ich es lösen kann. Es tut mir immer wieder leid, dass es Menschen gibt, die so etwas gerne machen würden und es nicht in Anspruch nehmen können. Anfangs habe ich vieles sehr billig angeboten und kostenlose Stunden gemacht, weil ich immer wieder auch mich selbst gesehen habe, die kein Geld hatte. Das würde ich nie mehr so machen, weil das auf Dauer nicht funktioniert. Ich war kurz vor dem Zusammenbruch. Menschen in ihrer Trauer zu begleiten erfordert wirklich viel Energie und das zu leisten ist eine enorm aufwendige Arbeit. Du musst auch schauen, dass es dir selber gut geht – wenn du das nicht kannst, kannst du es auch nicht für andere leisten. Es ist so schwierig.

Es hat dann vereinzelt, meistens rund um Weihnachten, auch Leute gegeben, die von sich aus fremden Menschen ein SeelenSport-Training schenken wollten. Solche Unterstützungsmöglichkeiten haben wir schon gemacht. Außerdem biete ich immer wieder Onlineangebote an, wie einen Adventskalender. Da habe ich ein großes, ausführliches Programm und eine kleine, günstigere Version gestaltet. Es gibt auch teilweise die Möglichkeit auf Ratenzahlung, wie  bei der Erholungswoche. Es ist und bleibt aber schwierig. Jetzt gibt es wenigstens das Buch, das ist irgendwie leistbar und Leute können auch mit sich selbst arbeiten.

Viele sagen auch, dass sie über einen längeren Zeitraum darauf gespart haben, damit  sie sich ein Einzeltraining leisten können. Da bin ich sehr froh, dass es mittlerweile auch Hospizvereine gibt, die ehrenamtlich SeelenSport anbieten. Es gibt natürlich auch mehr Angebot, je mehr Trainer*innen es gibt. Da hoffe ich für mich, dass sich immer mehr Trainer*innen und immer mehr Vereine finden. Leute, die ehrenamtlich arbeiten und nicht nur Gesprächsrunden anbieten, sondern auch diese Möglichkeit und das für jede*n!

SeelenSport bei individuellen und kollektiven Krisen nutzen

Klammerauf: Im Buch definierst Du die Zielgruppe von SeelenSport als „trauernde Menschen, die Krisen erleben, Verluste durchstehen müssen, Herausforderungen im Alltag zu meistern haben und sich damit oft überfordert fühlen“. Du beschreibst auch zwei Studien, die positive Auswirkungen von Sport auf Menschen mit Depressionssymptomen nachweisen. Inwiefern kann SeelenSport hilfreich für Menschen mit psychischer Erkrankung sein?

Katrin Biber: Ich bin immer vorsichtig, wenn Menschen eine psychische Erkrankung haben. Mir ist wichtig, dass es dann auch therapeutische Begleitung durch eine Therapieeinrichtung oder eine*n Therapeut*in gibt. Einfach nur zum SeelenSport gehen mit einer psychischen Erkrankung geht nicht, das ist auch Teil der Ausbildung für die Trainer*innen. Wir sind keine Therapeut*innen, sondern bieten einen Sportkurs an, der Gefühle in den Vordergrund stellt. Damit muss vorsichtig umgegangen und hantiert werden. Nichtsdestotrotz können Menschen mit psychischer Erkrankung SeelenSport machen. Ich bin auch dran, dass SeelenSport in psychiatrischen Reha-Einrichtungen angeboten wird. Dort wäre es super stationiert und ich habe es bei mir selbst gesehen, wie ich auf psychischer Reha war und mir das gefehlt hat. Ich war sehr schockiert über dieses Sportangebot. 

Klammerauf: Ein weiteres Zitat aus dem Buch: „Mir war wichtig, den Menschen klar zumachen, dass Training nicht nur dafür da sein kann, den Körper zu trainieren, sondern dass Sport helfen kann, mit Krisen klarzukommen, wenn wir unseren Gefühlen dabei Raum lassen.“ Wir befinden uns mit Covid-19 in einer globalen Pandemie, welches Potential hat SeelenSport hinsichtlich Emotionen und dieser Krise?

Katrin Biber: Eine kollektive Krise ist auch eine Art von Trauer und Verlust – jede*r erlebt das anders und doch irgendwie gleich. Es gibt Dinge, die haben wir alle verloren. Beispielsweise sind in Österreich momentan für alle Menschen die Kinos geschlossen, das ist ein Verlust und macht traurig und wütend. Vielleicht herrscht auch das Gefühl von Wut in einem*einer vor, weil zum Beispiel jemand im Umfeld erkrankt ist. Es passiert also gerade sehr viel an Gefühlen und es betrifft jede*n in irgendeiner Art und Weise. Es sind allerdings immer unterschiedliche Gefühle vorrangig, die sowohl von der individuellen Person als auch der Tagesverfassung abhängen. Da kann ich mit SeelenSport unabhängig von dem ganzen Drumherum etwas für mich machen und ihn für mich anwenden, ohne etwas Spezielles dafür zu brauchen. Ich kann mir also Zeit und Raum geben um in mich und meine Gefühlswelt hinein zu fühlen. Wenn wir uns damit beschäftigen, können wir auch andere und neue Lösungen finden. Ich glaube das wichtigste ist, dass wir mutig sind und unseren Gefühlen Platz lassen. Wenn wir diesen Mut einmal aufgebracht haben, was an sich ja schon ein Gefühl ist, entsteht ganz viel Tolles und ganz viel Kraft.

Klammerauf: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen

Rebellische Plaudertasche mit stylischer Nerd Brille. Einzige Tirolerin, die nicht Skifahren kann. Vegetarische Schweineliebhaberin, große Schwester und Feministin.

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