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TABUTHEMA PSYCHOTHERAPIE?

Psychische Krankheiten sind immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Laut dem Berufsverband der Österreichischen Psycholog*innen leiden 39% der Österreicher*innen unter einer psychischen Erkrankung. Knapp zwei Drittel der Befragten würden nicht einmal der Familie oder den engsten Freunden von ihrer psychischen Krankheit erzählen. Aus Angst stigmatisiert zu werden, bleibt Psychotherapie weiterhin ein Tabuthema. Klammerauf hat mit der 22-jährigen Studentin Rebecca über ihre persönlichen Erfahrungen mit Kunsttherapie gesprochen.

Unsere mentale Gesundheit ist genauso wie unsere körperliche Gesundheit ein Teil von uns. Aber wie sollen wir unseren inneren Garten mit Zuneigung, Akzeptanz und Selbstliebe füllen, wenn wir vergessen, in der Welt über unsere Gefühle zu reden? Um unsere physische Gesundheit kümmern wir uns täglich: Wir achten auf die Ernährung, betreiben Sport und scheuen uns nicht vor den Gang zum Arzt, wenn wir Schmerzen haben. Auch von der Außenwelt werden wir aufgefordert „gesund zu leben“ und auf unseren Körper zu achten. Aber wie wird „gesund leben“ in der heutigen Zeit definiert?  Wieso pflegen wir unseren Garten nur äußerlich und nicht auch innerlich? Diese Fragen stellte sich auch Rebecca, bevor sie mit der, für sie, richtigen Therapiemethode anfing. Es gibt diverse Therapieansätze und -möglichkeiten. Neben der psychoanalytischen Therapie, Verhaltenstherapie oder Bewegungstherapie, gibt es zudem Kunst- oder Musiktherapie. Rebecca entschied sich für Kunsttherapie im gruppentherapeutischen Setting. Durch die Kunsttherapie lernte Rebecca mit ihrer Anpassungsstörung umzugehen, sich mit ihrem inneren Garten auseinanderzusetzen und sich um ihre mentale Gesundheit zu kümmern. Das Interview zeigt ausschließlich eine Einzelperspektive und dient nicht der Verallgemeinerung von Kunsttherapie. Besteht die Suche nach einem Therapieplatz, ist der Therapieansatz und die Methode unbedingt vorher in einer professionellen Einrichtung abzuklären.  

Klammerauf: Viele Menschen trauen sich nicht über ihre Gefühle zu reden oder zur Therapie zu gehen aus Angst stigmatisiert zu werden. Wie stehst du dazu?

Rebecca: Ich persönlich befand mich in einer ähnlichen Situation. Ich wollte nicht als krank angesehen werden, daher habe ich zu Beginn jegliche Therapie verweigert. Nach vielen Gesprächen mit meiner Mutter habe ich beschlossen, es zu versuchen. Doch bei der Gesprächstherapie fiel es mir schwer die Wahrheit über meine Gefühle auszusprechen. Nach 3 Einheiten habe ich meiner Mutter erklärt, dass ich darin keinen Sinn sehe. Auf der Suche nach anderen Möglichkeiten mir zu helfen, ist sie auf eine Kunsttherapie Gruppe gestoßen, die ich mir schon eher vorstellen konnte.

Klammerauf: Was war dein erster Gedanke, als du von Kunsttherapie gehört hast?

Rebecca: Ich konnte mir am Anfang nicht ganz vorstellen, wie das ablaufen könnte. Ich dachte mir, dass möglicherweise innere Konflikte künstlerisch dargestellt werden. Mir war bewusst, dass es viel mit dem Umgang von Farben zu tun haben könnte, aber der genaue Einsatz, ob malen, ausmalen oder zeichnen, das war mir unklar.

Klammerauf: Inwiefern haben sich deine Vorstellungen mit der Realität überschnitten?

Rebecca: Wir waren eine Gruppe von insgesamt 3 Jugendlichen und zwei Therapeut*innen. Wir saßen an einem Tisch und jede*r hatte ein Blatt Papier vor sich liegen und in der Mitte des Tisches lag eine Schachtel voll mit bunten Stiften. Zu Beginn gab es eine Vorstellrunde, womit die Therapeut*innen schrittweise für eine Safe-Space-Atmosphäre sorgten. Dann wurde leise Musik angemacht. Wir durften uns jeweils eine Farbe aussuchen. Die Therapeut*innen baten uns darum, unsere Augen zu schließen und mit dem Stift in Kreisbewegungen auf das Blatt zu zeichnen. Ziel war es, die Musik auf uns wirken zu lassen und unsere Gefühle auf Papier zu bringen. Anschließend durften wir die Augen öffnen und jede*r hatte ein großes Durcheinander von Linien vor sich. Jetzt kommt der interessanteste Teil: Die Blätter wurden im Uhrzeigersinn weitergegeben und jede*r sollte versuchen in dem Chaos ein Symbol, wie zum Beispiel einen Fisch oder Baum zu finden und dieses anzumalen. Schließlich kamen unsere kreativen Seiten zum Vorschein und am Ende gab es eine Vielzahl von einzigartigen Zeichnungen.

Klammerauf: Wie war die Kommunikation in der Gruppe? Gab es überhaupt eine oder habt ihr in Stille gearbeitet?

Rebecca: Während die Musik lieft herrschte absolute Stille, aber bei der Weitergabe unserer Werke redeten wir schon miteinander. Jede*r Person durfte Fragen stellen und einiges erzählen. Das angenehmste an der Sache war, dass es sich nicht so anfühlte als wäre man in einem Verhör. Es kam einem eher so vor wie ein Zusammenkommen von Bekannten, die sich über ihr Leben austauschen.

Klammerauf: Wie ging es dir danach? Welche Erfahrungen hast du mitgenommen? 

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© Joyce Scarlett Meier

Rebecca: Ich muss ehrlich sagen, ich habe mich danach einfach nur befreit gefühlt. Es war schön, alles aus mir rauslassen zu können und es war wirklich entspannend. Diese einfache Übung hat mir gezeigt, Dinge aus einem anderen, eventuell kritischeren, Standpunkt zu betrachten und geholfen auch im größten Chaos nach einer Lösung zu suchen.

Klammerauf: Wie geht es dir heute damit? Greifst du auf die Ansätze von der Kunsttherapie im alltäglichen Leben zurück?

Rebecca: Auf die Ansätze greife ich nicht wirklich zurück, aber auf die Denkweisen, die ich mir dadurch angelernt habe, schon. Mir geht es viel besser als damals, aber falls ich jemals in mein altes Schema zurückfallen sollte, werde ich keine Angst davor haben, professionelle Hilfe anzunehmen.

Klammerauf: Vielen Dank Rebecca für das Interview!

„Im Laufe unseres Lebens sind wir alle direkt oder indirekt von einer psychischen Erkrankung betroffen. Auch wenn wir selbst nicht erkrankt sind, so haben wir doch Angehörige, Bekannte oder Arbeitskolleg*innen, die psychisch erkrankt sind. Obwohl psychische Erkrankungen uns alle betreffen, sind sie uns oft unheimlich und der richtige Umgang fällt uns schwer“ (#darüberredenwir)

Anlaufstellen

Psychosozialer Dienst (PSD) Wien
Sozialpsychiatrischer Notdienst (24 Stunden Notruf)
T +43.1.313 30
www.psd-wien.at

Ö3 Kummernummer 
16.00 bis 24.00 Uhr
T 116 123 (keine Vorwahl)
http://oe3.orf.at/kummernummer/stories/2712988/

147 RAT AUF DRAHT
Notruf für Kinder und Jugendliche und deren Bezugspersonen
Rund um die Uhr
T 147 (keine Vorwahl)
rataufdraht.orf.at

Telefonseelsorge
Rund um die Uhr
T 142 (keine Vorwahl)
www.telefonseelsorge.at

 

Kaffee- und Teeliebhaberin, die eine Leidenschaft für Frühstücksbowls und Pflanzen hat. Sonnenanbeterin mit einer Liebe zum Reisen. Ist kein großer Fan von Weihnachten, feiert aber dafür ihren Geburtstag drei Tage lang. Motto: be the energy you want to attract.

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