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Es sollte ein ganz normaler Abend werden

Wien, 02-11-2020: Ein ganz normaler Tag im November. Ein ganz normaler Montag Abend. Ein ganz normaler Tag wie jeder andere. Niemand konnte erahnen, welches Ende dieser Tag noch nehmen würde. Ein Ende erfüllt von Schock, Zweifel an der Menschheit und vor allem Angst – nicht nur in Wien und Österreich, sondern auf der ganzen Welt. Inklusive mir. Ich war einer der Menschen, die sich an diesem Abend in der Wiener Innenstadt befanden.

18:25, Währinger Straße

Endlich kommt Judiths Bim! Ich freue mich schon den ganzen Tag darauf, heute schön mit den Mädels essen zu gehen und das Leben noch einmal in vollen Zügen zu genießen, bevor der Lockdown morgen in Kraft tritt.

Vom 9. Wiener Gemeindebezirk machen wir uns auf den Weg in die innere Stadt, wo wir uns mit dem Rest unserer Mädelsgruppe treffen wollen. Es ist ein besonderer Abend. Schon auf den ersten Metern bis zum Schottentor fällt uns auf, was in der Stadt für eine schöne Stimmung herrscht. Gefüllte Lokale und wo man auch hinsieht, ist nichts anderes als Zufriedenheit, Lachen und Freude. Ich habe das Gefühl, jeder hatte den gleichen Gedanken: den Abend noch einmal mit seinen Liebsten draußen zu genießen, bevor wir uns wieder nur auf Distanz begegnen können.

19:50, Wipplingerstraße

Schöner hätte der Abend bis jetzt nicht sein können. Ich weiß jetzt schon, wie sehr mir meine Gruppe die nächste Zeit fehlen wird! Ich will noch nicht heim… Das wollen wir alle nicht. Wir müssen unseren Tisch für die nächsten Gäste frei machen. Die perfekte und leider vorerst letzte Gelegenheit, noch einmal im Bermudadreieck was zu trinken, der Ort an dem wir in den letzten Wochen so viel Zeit verbracht haben!

20:10, Rotenturmstraße

Wir werden von einigen Polizist*innen und Einsatzwägen aufgehalten, die uns den Weg versperren. Als sechs Publizistik Studentinnen können wir natürlich nur schwer wegsehen. „Das könnte unser Durchbruch werden“, scherzen wir. „Ab jetzt geht unsere Karriere steil bergauf“. Die Polizei lässt niemand mehr weiter durch. Gedanken machen wir uns aber keine. Gleich dürfen wir sicher weiter Richtung Schwedenplatz gehen. Mit der Zeit fangen einige Menschen an zu filmen, Jugendliche starten Instagram Livestreams. Irgendetwas passiert da gerade und uns wird langsam klar, dass es viel schlimmer ist, als wir dachten.

 

Ein Schuss lässt die Menschenmenge zusammenzucken.

Ich spüre Panik.

Alle rennen.

Ich greife um mich, nach den Händen meiner Freundinnen.

Wir rennen.

„Da sind Irre mit Sturmgewähren“, ruft jemand.

Alle rennen schneller.

Wir rennen schneller.

 

Ein bisschen mehr Dankbarkeit

Manchmal realisiere ich nicht, wie gut es mir geht. Ich denke, das tun wir alle nicht. Vielleicht brauchen wir das. Ereignisse, die uns wieder dankbar machen. Dankbar, gesund zu sein. Dankbar, sicher zu sein. Dankbar, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Vor einigen Minuten war unser größtes Problem noch der Corona-Lockdown. Wie klein und unbedeutend einem dieses Problem plötzlich vorkommt. Wie kann sich das Leben so schnell verändern? Gerade dann, wenn man am allerwenigsten damit rechnet.

20:27, Bäckerstraße

Kommt schnell hier rein Mädels! Und macht die Tür hinter euch zu.“ Nicole, eine liebe, junge Kellnerin zieht uns aus der Menge und lässt uns in ihr Lokal. Wir stehen inmitten all den Tischen einfach nur da. Wie angewurzelt. Es ist wie eine andere Welt. Jeder schaut uns an, aber niemand wirkt so, als hätte er gerade auch nur irgendetwas mitbekommen. Nicole führt uns zu einem Tisch und bittet uns Platz zu nehmen, bringt uns Brot und Wasser. Wir bestellen etwas Stärkeres. Ich sitze am Fenster, sehe die Menschen durch die Straßen rennen und die Panik in den Blicken jeder und jedes einzelnen. Nach ein paar Minuten des Schweigens, fangen wir an zu diskutieren. Was ging da gerade vor sich? Wie lange sind wir gerannt? Wo genau sind wir überhaupt? Wir checken die neuesten Medienberichte. Nicole meint, wir sollten das besser lassen, wir bekämen nur noch mehr Angst. Wir wollen aber wissen, was da draußen passiert. Wir können nicht einfach nur sitzen und nichts tun.

21:20, Bäckerstraße

Inzwischen ist alles verriegelt. Wenn ich nun aus dem Fenster blicke, sehe ich nur noch den geschlossenen Fensterladen. Hören kann ich jedoch alles. Manchmal ist es still, manchmal höre ich genau, was die Menschen draußen sagen. Auch uns hat mittlerweile die schreckliche Nachricht erreicht, die in dieser Nacht mit Sicherheit noch so viele Menschen erschüttern wird: Terroranschlag in der inneren Stadt Wiens, bereits vier Tote und mehrere Verletzte. Wir können nicht fassen, was wir hier gerade hautnah mitbekommen haben. Es ist eine komische Stimmung in der Bar. Manche lachen, manche weinen. An die Corona-Pandemie denkt hier niemand mehr. Mit Mundschutz läuft hier niemand mehr herum. Die Luft ist neblig vom Zigarettenqualm. Ich bin einfach nur müde und will nachhause. Mich haben noch nie so viele Nachrichten auf einmal erreicht. Freund*innen, Verwandte, alte Bekannte. Jeder erkundigt sich, fragt ob ich etwas von „diesem Anschlag“ mitbekommen hätte. Das habe ich.

01:30, Innere Stadt

An unserer Situation hat sich nun seit vier Stunden nichts mehr geändert. Wir stehen alle immer noch unter Schock und wissen nicht, wie genau es jetzt weiter gehen wird. Kurz darauf bekommen wir jedoch die Nachricht, dass der erste Bezirk abgesichert ist. Das bedeutet, wir dürfen raus und nachhause.

Es ist komisch wieder nach draußen zu gehen. Als wären wir eine Ewigkeit eingeschlossen gewesen. Es fühlt sich alles so anders an. So ruhig, so dunkel, fast schon friedlich. Wäre da nicht an jeder Ecke Polizei und die über uns kreisenden Hubschrauber. Und hätten wir nicht im Hinterkopf, was passiert ist. Uns kommen nur wenige Menschen entgegen. Doch jeder Blickkontakt ist skeptisch. Man hat das Gefühl in jedem plötzlich etwas Böses zu sehen. Wir gehen schnell. Alle gemeinsam.

07.11.: 20:30, Schwedenplatz

Ich musste noch einmal zurück. Die letzten Tage haben wir es alle vermieden auch nur einen Fuß vor die Haustür zu setzen, doch jetzt wurde es Zeit. Ich möchte es mir nochmal anschauen. Und nun stehe ich vor einem dieser riesigen Kerzenmeere. Mir ist warm. Und das nicht nur von dem Feuer der brennenden Kerzen. Eine Frau weint. Es ist still. In einer Wand sehe ich Schusslöcher. Ich denke an die vergangenen Wochen. Hier war immer so viel los. Ausgelassenheit, Party, Lachen, glückliche Menschen. Wie kann jemand für so viel Trauer und Leid sorgen?

 

Lichtermeer am Tatort

Lichtermeer am Tatort © Katharina Huckenbeck

 

Terrorismus ist ein Teil unseres täglichen Lebens. Man kann nie wissen, wann oder wo er passiert. Meine Gedanken sind bei all den Opfern dieses Anschlags in Wien am 02. November 2020, deren Angehörigen und allen Trauernden. Ich werde nie verstehen, warum so etwas passieren muss. Aber ich weiß mittlerweile, sich die Situation anfühlt, wenn man sich mitten im Geschehen befindet, gleichzeitig aber keine Ahnung hat, was da gerade wirklich passiert.

 

Anlaufstellen für psychologische Beratung:

  • Psychiatrische Soforthilfe für Wien (24h Hotline): +43131330
  • Notfallpsychologischer Dienst Österreich (24h Hotline): +4369918855400
  • Rat auf Draht (24h Hotline): 147
  • Kriseninterventionszentrum (10.00-17.00 Uhr): +43 1 406 95 95

Elefantenliebhaberin aus dem idyllischen Allgäu erkundet mit ihrem Rucksack die ganze Welt. Egal ob auf Reisen, im Fitnessstudio oder beim Feiern, der Labello darf nicht fehlen. Zaubert mit ihrer optimistischen Art jedem „Grantler“ ein Lächeln ins Gesicht.

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