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„Weil’s sonst einfach nicht mehr weitergeht“

Trans*, transgender, transsexuell = verrückte Geschlechtswandler*innen? Mitnichten! Klammerauf räumt im Interview mit einem Transmann mit Vorurteilen auf. Wie ist es wirklich, trans zu sein?

Klammerauf: Wie hast du erfahren, dass es Transgender-Personen überhaupt gibt?

Tom: Als ich 14 Jahre alt war, sah ich mir auf YouTube viele Outing-Videos an. Einfach so, weil‘s mich interessierte. Dann fand ich ein Video von Alex Bertie, das mit „Am I a boy?“ betitelt war. Er erklärt darin, dass er trans ist. Und ich dachte mir: Shit. Das war der Moment, als plötzlich alles Sinn ergab. Das war die Erklärung für meine Gefühle.

Klammerauf: Spielen die Sozialen Medien für dich eine große Rolle bei dem Thema?

Tom: Für mich waren Soziale Medien ein Outlet, vor allem am Anfang, weil ich mich mit mir selbst überhaupt nicht wohlfühlte, aber es im „echten Leben“ nicht auslebte. In den Sozialen Medien kann man sich – einigermaßen – anonym austauschen. Man sieht Menschen, die den Weg gehen, den man sich für sich selbst wünscht. Dadurch erfährt man einiges. Man fühlt sich weniger allein, wenn man sieht, dass es auch andere gibt, die sich so fühlen. Hah, klingt das kitschig… (lacht)

Klammerauf: Du hast also dieses Video gesehen und dann…?

Tom: Damals hatte ich gerade die Schule gewechselt und konnte mich so in gewisser Weise neu erfinden. Niemand kannte mich. Ich hatte trotzdem die Hoffnung, dass ich endlich dazugehören würde, weil ich damit schon immer Probleme hatte.

Als ich das mit meiner Transidentität herausfand, dachte ich erstmal: Das bin ich, passt. Dann fing ich an nachzudenken: Panik, oh Gott, das kann’s ja jetzt nicht sein. Ich behielt es gut ein Jahr lang für mich und versuchte, es nicht rauszulassen, es keinem zu sagen. Mir ging‘s immer schlechter.

Irgendwann merkte ich: Das links liegen zu lassen bis ich 18 bin, das funktioniert nicht. Mir ist klargeworden, dass es auch jetzt für mich eine Rolle spielt und ich hier und jetzt etwas dagegen tun kann. Weil’s sonst einfach nicht mehr weitergeht.

Klammerauf: Du musstest Vieles verstecken, oder?

Tom: Ich traute mich einfach nicht, gewisse Dinge zu äußern. Im Kindergarten und in der Volksschule fühlte ich mich immer mehr den Jungs zugehörig. Mit der Pubertät fingen dann die einen an mit „Mädchen – igitt“ und die anderen mit „Jungs – igitt“. Das war schwer. Bei den einen traute ich mich noch nicht dazuzugehören, weil ich Hemmungen hatte. Bei den anderen wollte ich nicht dazugehören, weil ich mich nicht wohlfühlte in einer weiblichen Rolle.

Klammerauf: Wie war das Outing für dich?

Tom: Über Soziale Medien, wo es meine Eltern und Freund*innen nicht bemerkten, kam das Outing eigentlich recht bald. Ich änderte meinen Namen auf Instagram und so weiter, das war einfach. Danach erzählte ich es meiner Cousine und engeren Freund*innen: Das ist etwas, das ich fühle und das auf mich und auf euch zukommt – falls ihr mich noch gernhabt.

Schließlich erzählte ich es meiner Mutter und da war die Reaktion… Ich will nicht sagen „schlecht“, weil ich genau weiß, dass sie nicht aus Boshaftigkeit eher negativ reagierte, sondern einfach aus Angst. Sie wünschte es sich nicht für mich, weil trans zu sein doch etwas Schweres ist. Dementsprechend hatten wir Startschwierigkeiten.

In der Schule blieb ich sitzen aufgrund meiner psychischen Probleme. Da war das Outing kein großes Thema, weil ich nicht mehr hinging. Beim zweiten Versuch erklärte ich eben: legal gesehen heiße ich jetzt so und blablabla. Ich versuchte, die Klasse an das Thema anzunähern. Sie reagierte eigentlich sehr gelassen. Generell waren die meisten Leute nicht überrascht.

Klammerauf: Weil du vorher auch schon ein eher maskulines Verhalten hattest?

Tom: Ja, mir wurde öfter gesagt, dass man es bei mir sofort gemerkt hat, nach dem wie ich mich präsentierte, nach meinem Auftreten, meiner Körpersprache. Ich machte kein Geheimnis daraus, dass ich nicht der femininste Mensch bin. Ich quetschte mich in keine Stereotypen hinein.

Klammerauf: Gab es auch negative Reaktionen?

Tom: Wie gesagt war’s bei meiner Familie anfangs etwas holprig, aber mittlerweile passt da alles. Mit manchen Leuten rede ich jetzt einfach nicht mehr, weil sie meinten, sie können es nicht akzeptieren. Im ersten Moment war das schwer für mich, weil ich dachte, das waren meine Freund*innen. Aber ich bin froh, dass ich jetzt keinen Kontakt mehr zu solchen Menschen habe. Wenn sie mich nur unter ihren Bedingungen akzeptieren wollen, brauchen sie mich gar nicht zu akzeptieren. Es gab auch Leute, die mir drohten. Bei dem einen war Alkohol im Spiel, da hat er mir dann aufs Übelste gedroht und mich vor allen Leuten beschimpft.

Klammerauf: Um in Österreich die Diagnose Gender Dysphorie zu erhalten, muss sie von drei Stellen bestätigt werden – der psychiatrischen Diagnostik, der klinisch-psychologischen Diagnostik und der psychotherapeutischen Diagnostik. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Tom: Mit 15 bin ich körperlich und psychisch nicht mehr klargekommen. Meine Eltern sahen, dass meine schulischen Leistungen nachließen und dass ich immer unglücklicher wurde. Also ging ich zum Arzt und ließ meine Blutwerte checken, aber es passte alles. Da meinte der Arzt, es könnte etwas Psychisches sein – daher redete ich mit meinen Eltern über meine Gefühle. Die erste Psychotherapeutin, zu der ich ging, verstand mich überhaupt nicht. Sie hatte Therapieansätze wie Schminken oder Malen, um das „rauszubekommen”. Da blieb es bei dem einen Termin.

Dann bin ich zu einem Psychiater. Er diagnostizierte mich mit einer Depression, was nicht wirklich überraschend war. Nebenbei ging ich zu einer Psychotherapeutin. Im Burgenland gibt es nicht viele Stellen, die sich auf Transgender-Personen spezialisieren, daher war ich im Alter von 15 bis 17 einfach bei einem Erwachsenenpsychiater und einer Jugend- und Erwachsenenpsychologin.

Schließlich erlaubten mir meine Eltern eine Hormontherapie, soweit das ärztlich abgeklärt war. Hierbei muss man sagen, die Wartezeiten in Österreich sind nicht ohne. Für einen Ersttermin kann man mit einem halben Jahr rechnen – tendenziell länger, weil jetzt die Mittel gekürzt werden.

Ich ging also mit 17 zur Jugendstelle und dort wurde erklärt, was ich alles brauche. Ich dachte: Super, ich bin seit ich 15 bin in Therapie, ich habe eigentlich schon den psychiatrischen und den psychotherapeutischen Befund! Tja, das hat sich erledigt. Weil mein Psychiater für Erwachsene war und sich nicht auf das Thema spezialisiert hatte, akzeptierten sie seinen Befund nicht. Ich musste einen weiteren Psychiater und einen klinischen Psychologen aufsuchen. Im Endeffekt brauchte ich also mehr Stellungnahmen, weil die, die ich schon hatte, nicht gültig waren.

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Eine Hormontherapie ändert Vieles. © that_edgelord / Ines Farbaky

Klammerauf: In welcher Frequenz musstest du zur Therapie?

Tom: Es kommt darauf an, wie’s mir geht und was gerade in meinem Leben passiert. Teilweise ging ich einmal in der Woche zur Psychotherapie, zeitweise nur alle zwei, drei Monate. Mittlerweile sind wir bei zweimal monatlich. Es kommt sehr auf die aktuelle Situation an.

Früher bin ich einmal im Monat zum Check-up beim Psychiater gegangen, um die Medikamente einzustellen – ich nahm ja für drei Jahre Antidepressiva. Seitdem ich meine Befunde und so weiter für die Hormone habe, ist es eine sehr unregelmäßige Sache. Jetzt gehe ich vielleicht ein, zweimal im Jahr.

Der klinisch-psychologische Befund war nur ein einmaliges Ding. Ich brauchte aber zwei Anläufe, weil unklar war, ob ich nicht etwas in Richtung Angststörung auch noch habe. Ich musste einen zweiten Test machen, um zu beweisen, dass keine zusätzlichen Diagnosen nötig sind. Das hat dann zum Glück funktioniert.

Klammerauf: Wie groß war die Zeitspanne zwischen deiner Anfrage nach einer Hormontherapie bis hin zur Genehmigung?

Tom: Es kommt sehr darauf an, bei wem man in Behandlung ist. Insgesamt vergingen zwischen dem tatsächlichen Verlangen mit den ganzen Tests und dem Erhalten so circa zwei, drei Wochen. Das war noch die Kinderversion, bei Erwachsenen soll’s angeblich schneller gehen. Vor allem muss man davor schon eine gewisse Zeit in Therapie sein. Wenn sich jemand unsicher ist, ob eine Person wirklich trans ist und die Hormone braucht, dann geht das nicht so einfach. Niemandem soll irgendetwas gegeben werden, das er*sie nicht braucht oder sogar schädlich für ihn*sie wäre.

Klammerauf: Nachdem du diesen Prozess durchgemacht hast, wie findest du die Gesetzeslage in Österreich in diesem Punkt?

Tom: Es ist kompliziert. Manche Leute brauchen die Wartezeit, damit sie sich wirklich sicher sind und alles absolut abgeklärt ist. Für andere sind diese langen Wartezeiten auf Termine, auf Bestätigungen und Kostenübernahmen eine große psychische Belastung. Mir persönlich hätte es sehr viel geholfen, hätte ich die Hormone früher bekommen.

Aber man hat sich schon auch etwas dabei gedacht. Ist man ein klarer Fall, dann legt einem auch keiner Steine in den Weg. Die Wartezeit von einem halben Jahr für die Trans-Ambulanz ist zwar ein Witz, aber dagegen können die Gesetzgeber auch nichts tun. Ganz ehrlich, ich fühle mich nicht gebildet genug, um zu sagen, zwei Monate Therapie reichen, weil es auch auf den Menschen ankommt. Es muss ja irgendwelche Richtlinien geben.

Klammerauf: Was ist denn deine schönste Erinnerung von deiner Entwicklung als Transmann?

Tom: Es gab sehr viele Momente, in denen ich mir dachte, dass es gut ist, dass ich noch da bin. Es sind die Meilensteine. Als ich meinen ersten Binder bekam oder als die erste Hormonspritze drin war, war das unbeschreiblich. Auch mit Bekannten und der Familie gibt es immer wieder Schönes. Oft erwarte ich keine so positive Reaktion. Wenn mir mein Opa vom Bundesheer dann plötzlich salutiert, fühlt sich das toll an. Solche Momente bestätigen mich in meiner Existenz. Auch wenn mich jemand verteidigt, wenn andere negativ reagieren… das gibt Halt.

Klammerauf: Kommen wir zur LGBTQIA*-Community. Welche Erfahrungen hast du da gemacht?

Tom: Mir kommt vor, es ist eine sehr offene Community. Auch wenn ich nicht immer sämtlichen Statements zustimme, hat sie mir doch sehr geholfen, um mich nicht alleine zu fühlen. Es ist ein sehr warmer Platz, der einen willkommen heißt.

Klammerauf: Wenn man Bilder von Pride-Paraden sieht, entsteht leicht der Eindruck, es gäbe eine gewisse Partykultur. Wie erlebst du das?

Tom: Bei Pride ist eigentlich Protest der Grundgedanke. Es gibt schon dieses Image, dass man nur hingeht, um zu feiern und sich anzusaufen. Ich frage mich dann teilweise, ob diese Leute wissen, warum Pride existiert, oder ob sie nur kommen, weil alle bunt angezogen sind und herumschreien. Ich finde, Bewusstsein und Protest sollten in den Vordergrund.

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Bei Pride-Paraden herrscht meist ziemlicher Trubel © Balkanscat / Getty Images Pro

Klammerauf: Welche Vorurteile möchtest du unbedingt aus der Welt schaffen?

Tom: Puh, einige. Ich färbe mir immer wieder die Haare und dann kommen manche mit: „Ah, das machst du also, weil du trans bist.“ Nein. Ich färbe mir die Haare, weil‘s mir einfach gefällt. Das hat nichts miteinander zu tun.

Was mich persönlich stört, ist auch immer die Frage: „An wie viele Geschlechter glaubst du jetzt?“ Ich denke, meine Meinung zu dem ist irrelevant… Ob ich sage, es gibt zwei oder mehr Geschlechter, hat nichts mit dem zu tun, wer ich bin. Ich weiß nur, ich bin ein Typ. „Was ist dein richtiger Name? Was steht auf deiner Geburtsurkunde?“ nervt. Ich heiße Tom. Dann gibt es noch die Fragen, die einfach unter der Gürtellinie sind, etwa: „Wie hast du Sex?“ Ob, wie und mit wem ich Sex habe, ist meine Sache. Sowas frustriert mich immer wieder.

Generell nerven Diskussionen, bei denen ich das Gefühl habe, keine Autorität für eine Entscheidung zu haben. Meine Meinung ist nicht das Ausschlaggebende. Egal, ob es um die Anzahl von Geschlechtern geht oder die Bedingungen für eine Diagnose als transgender. Ich kann dazu keine gebildete Meinung abgeben, weil ich es nicht studiert habe und erforsche. Der Fakt, dass ich trans bin, gibt mir nicht das Recht, darüber zu entscheiden.

Klammerauf: Kann man das so paraphrasieren, dass du der Meinung bist, jede*r hat das Recht, die eigene Identität zu definieren? Und andere sollten sich da nicht zu sehr einmischen?

Tom: Ja, aber es gibt Grenzen. Wenn jemand sagt, er sei „Autismus-Gender“… Autismus hat nichts mit einer Geschlechtsidentität zu tun. Es gibt Leute, die aus allen Nuancen des Ausdrucks ein neues Geschlecht oder Label machen. Ich denke, das ist nicht der Sinn der Sache.

Es gelten schon Bedingungen, damit man trans ist. Deswegen gibt es ja auch die medizinische Diagnose Geschlechtsdysphorie, die man braucht, um legal weiterzukommen.

Klammerauf: Welche Tipps hast du für jemanden, der transgender ist und noch vor dem Outing steht?

Tom: Was ich immer wieder sehe, ist die Glorifizierung von Outings, dieser Druck, sich zu outen. Aber vielen Leuten ist es einfach nicht möglich aufgrund ihrer familiären und gesellschaftlichen Umgebung. Dementsprechend finde ich es wichtig zu wissen, dass man sich nicht sofort outen muss, wenn man sich nicht wohl fühlt. Man kann abwarten, bis man aus diesem Umfeld weg ist. Zur eigenen Sicherheit.

Wenn du 13 bist und weißt, dass du bei einem Outing rausgeworfen wirst – dann oute dich bitte noch nicht. Schau, dass du zuerst in einer sicheren Umgebung bist, so dass es für dich keine negativen Konsequenzen hat.

Klammerauf: An wen soll man sich bei Fragen wenden? Welche Beratungsseiten kannst du empfehlen?

Tom: Es gibt Gruppen und Vereine wie COURAGE, The Cha(i)nge, TransX oder das Transgender Team Austria zum Beispiel. Sie beraten einen selbst und es gibt auch Familien- und Angehörigentreffen. Zum Beispiel kann man sagen: „Okay, mein*e Kind/Bruder/Cousine… ist transgender, dann hör ich mir das an, wie ich unterstützen kann, wie ich damit umgehen kann.“ Mittlerweile kann man sich im Internet gut informieren, auch in Bezug auf Österreich.

Klammerauf: Welche Tipps kannst du Eltern von Transgender-Personen geben?

Tom: Es gibt viele Dinge, die man unterstützend tun kann. Sein Kind Erfahrungen sammeln lassen, herumexperimentieren und sich ausdrücken lassen. Man kann Kindern zum Beispiel bei der Kleidung freie Hand geben. Man kann ihnen einen Binder geben. Einfach eine gewisse Offenheit zu zeigen, hilft. Wenn man als Elternteil sagt: „Das ist keine Schande, sondern da reden wir einfach darüber. Wir schauen, was man tun kann.“ Den Zugang zu Therapie und so weiter sollte man ermöglichen. Und einfach ein offenes Ohr haben.

Es ist sicher verdammt gruselig, wenn ein Kind auf einmal sagt, es hat eine Identität oder Sexualität, die man nicht erwartet oder die nicht der „Norm“ entspricht. Aber es gibt immer verständnisvolle Wege, mit so etwas umzugehen.

Klammerauf: Danke für das Interview!

Weitere Infos

Wer neugierig geworden ist und Tom auf Instagram folgen will, kann das hier tun: that_edgelord

Weitere Informationen und Ratschläge gibt es im zweiten Teil des Interviews: Hier geht’s lang..

Naschkatze aus dem sonnigen Burgenland, verabscheut Kaffee, Tee ist ihr lieber. Fanatischer Bücherwurm - hat weder Angst vor literarischen Herausforderungen, noch lässt sie sich ein "Harry Potter"-Buch entgehen. Leidenschaftliche Cellospielerin, ganz zur Freude ihrer Nachbarn. Fan der niederländischen Sprache, auch wenn sie diese noch nicht beherrscht, und stets auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

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