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Wenn Social Media zur Krankheit wird

Anorexie ist in Österreich ein sehr gegenwärtiges Thema. Die MedUni Wien veröffentlichte zuletzt im Jahr 2017, dass ungefähr 7.500 Jugendliche von dieser Essstörung betroffen waren und sogar jährlich eine Mortalität von 0,5% besteht.

Die 22-Jährige Maya M. (Anm.: Name wurde von der Redaktion geändert) war schon im Alter von nur 15 Jahren von einer Essstörung betroffen. Einer der größten Einflüsse war in ihrem Fall Social Media. Im Interview mit Klammerauf erzählt die 22-Jährige, die mittlerweile ihre Essstörung überwunden hat, von Social Media und den damit zusammenhängenden Herausforderungen

Klammerauf: Inwiefern beeinflusst dich Social Media?

Maya M.: Seit der Betroffenheit merkt man viel mehr von diesen Beauty Standards auf Social Media. Mir ist das Ganze nie wirklich bewusst aufgefallen. Man sieht nur die Leute, denen man folgt. Möge das jetzt ein*e Influencer*in oder auch Freunde*innen oder Familie sein und wie diese ihr Leben auf Social Media perfekt inszenieren. Die meisten Leute zeigen ihre schönen Kurven, gutes Aussehen oder einfach bestimmte Erfolgserlebnisse- ein perfektes Leben. Da gehört das Uni- und Arbeitsleben sowie Beziehungen zu anderen Menschen auch dazu.
Seit ich angefangen habe, die Universität zu besuchen, fällt es mir viel schwerer den unrealistischen Standards auf Social Media aus dem Weg zu gehen. Man sieht nur die Menschen, denen man folgt und was diese nicht alles über den ganzen Tag verteilt leisten. Dabei platze ich selbst schon fast vor Tatendrang und kann nicht verstehen, wie andere immer mehr schaffen als ich selbst. Im Endeffekt haben wir doch alle nur die gleichen 24 Stunden pro Tag.

Klammerauf: Gibt es deiner Meinung nach auf Social Media Posts, die dich besonders beeinflussen?

Maya M.: Eigentlich versuche ich mittlerweile meinen Social Media Konsum herunterzuschrauben. Bis zu meiner Erkrankung 2015 war ich auf die ganzen Dinge auf Social Media überhaupt nicht anfällig. Für mich ist es trotzdem immer wieder schön, das Leben anderer auf Social Media zu verfolgen. Klar freue ich mich auch für diese. Nur ist es so, dass ich unterbewusst, obwohl ich eigentlich überhaupt kein vergleichender Mensch bin, gewisse Dinge auch gerne hätte. Ich bin mir eigentlich schon sicher, dass Social Media ziemlich fake ist, denn die Leute, die Content posten, veröffentlichen meistens nur inszenierte Bilder. Deshalb finde ich es umso schlimmer, wenn man im Alltag etwas von Menschen mitbekommt, ohne dass diese etwas großartig herausposaunt haben. Irgendwie verlagert sich die „Fake-Welt“ von Social Media auf die reale Welt, was es nur schwieriger macht, den Unterschied von wahr und falsch zu erkennen und das ist beängstigend.

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© Katharina Nebel

Social Media als Krankheitserreger?

 

Klammerauf: War Social Media zu Beginn deiner Erkrankung ein primärer Einfluss oder gab es andere Dinge, die sogar noch wichtiger waren?

Maya M.: Ich bin schon der Meinung, dass Social Media einen sehr großen Einfluss auf mich hatte. Gerade zu der Zeit meiner Erkrankung habe ich Social Media sehr intensiv genutzt. Bei mir war es nie so, dass ich wirklich so aussehen wollte wie die anderen. Jedoch gab es damals einen bestimmten Trend, den ich unbedingt nachmachen wollte.  Das war nämlich schon ein Ziel von mir. Mir war schon bewusst, dass man nicht wie alle anderen aussehen kann, aber ich wollte trotzdem immer die beste Version von mir selbst zeigen.
Der Fitness-Trend war damals einer der schlimmsten für mich. Ich habe so viele Sport-Videos geschaut nur um genauso fit wie die anderen Influencer*innen zu sein. Ich wollte unbedingt die Sit-Ups, die Liegestütz und die Squats schaffen. Und um die Ergebnisse schneller sehen zu können, habe ich immer weniger und weniger gegessen. Man nimmt eben ab ohne es wirklich so zu wollen und verheddert sich immer mehr in diesen Fitness-Wahn. Und das war bei mir letztendlich der Auslöser.

Klammerauf: Gab es auf Social Media irgendwelche Auslöser, die dich haben schlecht fühlen lassen?

Maya M.: Ja auf jeden Fall! Vor allem wenn ich bei Freunden*innen auf Social Media gesehen habe, dass sie Sport gemacht haben, habe ich mich sofort schuldig gefühlt. Ich habe einfach alles stehen und liegen lassen und sofort Sport gemacht. Natürlich habe ich das keinem erzählt. Ich wollte nur, dass man die Ergebnisse sehen kann und nicht was ich alles dafür getan habe.
Selbst die Uhrzeit war mir egal. Ob um 3 Uhr nachts oder um 6 Uhr in der Früh, ich habe mich wirklich hingestellt und Sport gemacht. Ohne Social Media hätte ich davon ehrlich gesagt nichts mitbekommen.

Klammerauf: Gab es auch Aussagen von Menschen in deinem Umkreis im realen Leben, die dich auf irgendeine Weise negativ beeinflusst haben?

Maya M.: Ja! Einerseits waren das meine Eltern, die mir permanent gesagt haben, dass ich so viel abgenommen habe und das nicht mehr gesund aussieht. Andererseits haben mir Freund*innen gesagt, dass ich doch noch gar nicht so dünn bin und nicht viel abgenommen habe. Das hat sich aber schlagartig von der einen Sekunde auf die andere geändert, denn irgendwann haben mir auch mein*e Freund*innen gesagt, dass ich zu viel abgenommen hätte und dass ich mir doch Hilfe holen solle. Es gab auch dann noch trotzdem eine Schulkollegin, die mir gesagt hatte, dass ich doch gar nicht so dünn wäre. Das, obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon in Therapie und schon kurz vor der Einweisung ins Krankenhaus war. Diese eine Aussage hat das Ganze für mich echt nur noch verschlimmert. Zu dem Zeitpunkt war mir nämlich schon bewusst, dass ich irgendwie krank bin und ich mir Hilfe suchen sollte. Durch die Aussage wurde ich doch wieder verunsichert.

Klammerauf: Bist du der Meinung, dass junge Mädchen heutzutage schneller solchen Trends verfallen?

Maya M.: Auf jeden Fall! Ich kann mich noch erinnern als der Thigh-Gap ein extrem populärer Trend war. Ich wollte damals den Thigh-Gap unbedingt haben, aber was ich nicht wusste war, dass ich im Endeffekt gar keine Figur für den Thigh-Gap hatte, da meine Hüfte gar nicht so breit ist.
Ein Trend, den ich aber überhaupt nicht nachvollziehen kann ist zum Beispiel FaceTune. Die jungen Mädchen bearbeiten ihre Gesichter, bis sie gar nicht mehr so aussehen wie sie eigentlich aussehen sollten. Mir persönlich wäre das eigentlich peinlich, wenn man mich dann im realen Leben sehen würde und ich einfach ganz anders aussehe als auf meinen Fotos.
Irgendwie halten sich auch viele junge Mädchen an die Beauty Standards. Ein gutes Beispiel wäre Kylie Jenner. Viele junge Mädchen sehen sie als eine Art Vorbild und wollen genau so aussehen wie sie. Sie versuchen schon im jungen Alter beginnend mit 13 sich so wie Kylie Jenner zu stylen und zu frisieren. Als ich im Alter von 13 Jahren war, hat für mich das Aussehen noch gar keine so große Rolle gespielt wie wahrscheinlich für 13-Jährige Mädels momentan.

Klammerauf: Kennst du auch andere junge Mädchen, die Ähnliches erlebt haben?

Maya M.: Mir fällt da spontan eine Freundin ein, bei der das wirklich ähnlich war. Bei ihr war das aber tatsächlich so, dass sie sich wirklich- anders als bei mir- am Schönheitsideal orientiert hat. Für sie war es sehr wichtig diesen unrealistischen Beauty Standards zu folgen. Das Ganze hat auch ihre Lebensqualität echt schnell verschlechtert und soziale Kontakte wollte sie auch nicht mehr pflegen. Es war so schlimm, dass sie nicht mal mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollte. Primär wurde nur zusammen gegessen und das wollte sie einfach nicht.

Klammerauf: Bist du der Meinung, dass der Begriff „anorektisch“ generell verharmlost wird, da einfach dünne Menschen oft so bezeichnet werden?

Maya M.: Ja. Ich muss aber trotzdem anmerken, dass ich den Begriff in letzter Zeit echt wenig gehört habe. Damals als meine Situation noch akut war, habe ich den Begriff viel häufiger gehört. Ich weiß nicht, ob es jetzt wirklich weniger vorkommt oder ob man einfach über dieses Thema nicht mehr redet. Ich hatte vor langer Zeit ein Gespräch mit einem Arzt. Der meinte es wäre generell falsch die Magersucht als eine Essstörung zu bezeichnen da man nicht gestört ist. Es ist eine Krankheit wie jede andere und deshalb sollte das Wort Störung erst gar nicht in dem Wort Essstörung vorkommen.
Mir kommt es so vor, dass vor allem in Österreich die Krankheit einfach nicht ernst genommen wird. Egal ob jung oder alt, jede*r die*r die Krankheit nicht am eigenen Leib erfahren hat glaubt nicht daran. Was wirklich psychologisch passiert, das weiß man nur selbst und die Menschen, die in deinem direkten Umfeld sind.

„[…], da kann reden echt schon eine große Hilfe sein.“

 

Klammerauf: Gab es von deinem Umfeld auch Hilfsangebote von Freunden und Familie?

Maya M.: Hilfe gab es schon. Lustigerweise ist keiner darauf gekommen, dass meine Probleme sich wirklich auf Social Media zurückführen ließen. Ich bin wirklich der Meinung, dass Eltern oder auch zum Beispiel Ärzt*innen solche Faktoren zur damaligen Zeit gar nicht so wirklich reflektiert haben. Für die war das gar keine Option.
Am meisten haben mir wirklich meine Freund*innen geholfen, denn die haben in meiner Situation auch gewusst, wie sie mit mir reden sollen.

Klammerauf: Wie gehst du heute mit dem Thema Social Media um?

Maya M.: Also heute löst Social Media immer noch manchmal ein ungutes Gefühl aus. Zwar jetzt nicht im Fitness- und Körperwahn. Es ist aber doch so, dass wenn ich längere Zeit keinen Sport mehr gemacht habe, andere Mädels auf Social Media sehe und mir denke: wenn sie es jetzt schafft Sport zu machen, dann schaffe ich das jetzt auch. Es ist also nicht mehr so schlimm wie früher. Ich habe zurzeit auch keine vergleichenden Gedanken mehr wie: Sie hat einen größeren Po oder sie hat einen flacheren Bauch. Heutzutage sind die relevantesten „Trigger“ für mich eigentlich nur noch im Zusammenhang mit der Universität oder meiner Arbeit.

Klammerauf: Kannst du jungen Mädchen, die in der gleichen Situation sind, etwas auf den Weg mitgeben?

Maya M.: Also bei mir war es so, dass ich mir echt eine Zeit lang etwas vorgespielt habe. Ich sehe mich jeden Tag selbst im Spiegel, da merkt man nicht sofort, wenn man kontinuierlich zu- oder abnimmt. Deshalb ist es in meinen Augen wichtig, dass wenn jemand ein Kommentar über deinen Körper macht, zu schauen ob es wirklich so ist. Versuchen das Ganze objektiv messbar zu machen und sich selbst auch etwas eingestehen können. Wenn die Hose zum Beispiel anfängt zu rutschen und mir auch wirklich schon einige Leute gesagt haben, dass ich zu viel abgenommen habe, sich selbst darüber Gedanken zu machen. Zu überlegen ob etwas los ist oder einfach darüber zu reden.
Oft steckt viel Psychologisches dahinter, da kann reden echt schon eine große Hilfe sein. Durch das ganze Reden kann man versuchen einen Grund für das Verhalten zu finden. Es bietet sich fast immer eine Person zum Reden an.
Auch wenn es einfach gesagt ist, sollte man wenigstens versuchen sich weniger mit anderen zu vergleichen. Vielleicht wäre hier sogar der erste Schritt Social Media für eine Weile zu deaktivieren oder sogar zu löschen.

Klammerauf: Vielen Dank für das spannende Interview mit dir Maya!

  

Für Hilfe und Unterstützung

Essstörungen: Beratung & Hilfe

Hotline für Essstörungen 0800 20 11 20

E-Mail Beratung für Essstörungen hilfe@essstoerungshotline.at

Rat auf Draht (Beratung für Kinder und Jugendliche) 147

Halbchinesische Wienerin mit Sommersprossen. Nerdy Videogame-Liebhaberin. Schwärmt über alles was mit Katzen zu tun hat. Hasst Ungerechtigkeit. Könnte sich wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens von Trash-TV unterhalten lassen.

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