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Wie es weitergeht

Auch im zweiten Teil des Interviews hilft Transmann Tom bei der Orientierung im Dschungel der LGBTQIA+Begrifflichkeiten. Von Fettnäpfchen, Nagellack und debattierten Selbstverständlichkeiten.

Klammerauf: Welche begrifflichen Missverständnisse triffst du häufig an, wenn es um deine Transidentität geht?

Tom: Was kein dramatischer Fehler ist: transgender ist kein Nomen. Außerdem: Wenn ich als Transmann mit einer Frau zusammen bin, dann ist das nicht lesbisch, sondern hetero.  Dann gibt es noch die Diskussion „transsexuell“ oder „transgender“, welchen Unterschied es gibt oder ob man die beiden synonym verwenden kann… Es stellt sich die Frage, ob man das Wort „transsexuell“ nicht verwenden sollte, weil transgender sein keine Sexualität ist. Es geht ja ums Geschlecht. Wenn man sich aber ein bisschen Mühe gibt, um nicht in jedes Fettnäpfchen zu treten, wird einen schon keiner kreuzigen.

Klammerauf: Was würdest du Leuten empfehlen, die sich nicht sicher sind, wie sie Mitglieder der LGBTQIA+ Community ansprechen sollen?

Tom: Da gehen die Meinungen auch auseinander. Manche meinen: „Ich bin in meiner Ausstrahlung vielleicht verwirrend, mir ist’s lieber, man fragt nach“, andere sagen: „Hä, es ist doch eh klar, warum fragst du?“ Das kommt sehr auf die Person an.

Ein Tipp wäre, einfach respektvoll damit umzugehen. Wenn dir jemand etwas über seine*ihre spezielle Identität sagen möchte, wird er*sie das eh tun.

Klammerauf: Welche Rolle spielen Stereotype und Sexismus dabei für dich?

Tom: So blöd Geschlechterrollen auch sind, man kann sie zum eigenen Vorteil verwenden, wenn man sonst nicht unbedingt der Identität entsprechend wahrgenommen wird. Ich habe sie teilweise genutzt, um männlicher erscheinen zu können und mich wohler zu fühlen.

Andererseits hatte eine Freundin, die weniger feminin aussieht, schon Situationen, in denen sie jemand gefragt hat, ob das mit einer Transidentität nicht etwas für sie wäre. Sie meinte dann ganz klar: Nein, nur weil sie etwas burschikos ist, heißt das nicht, dass sie trans ist.

Klammerauf: Also sind Stereotype auf der einen Seite ein Segen, weil sie es erleichtern, zu zeigen, wie du dich fühlst, aber auf der anderen Seite sind sie auch ein Fluch, weil leicht Missverständnisse entstehen?

Tom: Ja, zum Beispiel zu Halloween war ich verkleidet und trug schwarzen Nagellack. Sehr viele Leute sprachen mich an, ob ich es mir doch anders überlegt habe. Solche Dinge frustrieren. Nagellack ist nicht das Ausschlaggebende für meine Identität.

Klammerauf: Medial vermittelte Images von der LGBTQIA+ Community können ebenfalls ein zweischneidiges Schwert sein – oder?

Tom: Das ist ein Problem, weil durch Menschen, die sich nicht auskennen, auch Falschinformationen verbreitet werden. Vor allem innerhalb der Online-Community gibt es sehr laute Stimmen – umso extremer die Ansichten, desto lauter. Dementsprechend verbreiten sich immer wieder virale Videos.

Zum Beispiel Trisha Paytas stellte sich vor die Kamera und meinte, sie identifiziere sich 1000-prozentig als Frau und 1000-prozentig als Mann. Sie „outete“ sich auch mal als Chicken Nugget, deswegen sagte dann ein Großteil der Community, das sei Blödsinn, das sei Satire, sie wolle nur Aufmerksamkeit. Ein anderer Teil meinte: „Ja, wir können Leuten doch nicht die Identität aberkennen, nur weil sie mal einen Scherz darüber gemacht haben!“ Egal, wer sich outet, egal, welches Statement, es wird immer Leute geben, die ins eine oder andere Extrem gehen.

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© Syda Productions

Klammerauf: Wie findest du die Berichterstattung über Transgender-Personen? Ist sie mittlerweile größtenteils korrekt oder hapert es da noch?

Tom: Es kommt darauf an. Etwas, das ich immer wieder lese, ist „Ein Mann, der eine Frau sein will“ oder „Eine Frau, die ein Mann sein will“. Das ist falsch. Man ist ja tatsächlich das Geschlecht, mit dem man sich identifiziert. Ich möchte nicht ein Typ sein, ich bin einer. Bei solchen Formulierungen tut’s mir immer wieder im Herzen weh. Aber allgemein habe ich das Gefühl, die Medien werden offener, wenn es darum geht, dass tatsächlich Trans-Personen interviewt werden und sie damit eine gewisse Kontrolle darüber haben, was über sie gesagt wird.

Klammerauf: Was kann die Gesellschaft ändern, um das Leben der LGBTQIA+ Community zu erleichtern – geschlechtsneutrale Toiletten und so weiter?

Tom: Auch da finde ich es wichtig, offen zu sein und Verständnis zu haben, dass jemand anders ist als man selbst, anders als die „Norm“, anders als man es sich vorstellen würde. Das ist nichts Schlechtes.

Wenn beispielsweise jemand intergeschlechtlich ist, ist das ja keine mystische Figur, die in den Toiletten auf Kinder starrt. Was macht ein normaler Mensch auf der Toilette? Rein, Geschäft verrichten, Hände waschen – hoffentlich! –, wieder rausgehen. Dementsprechend kann ich diese große Diskussion nicht nachvollziehen. Jeder hat in seinem eigenen Haus eine geschlechtsneutrale Toilette. Vieles ist bei weitem nicht so tragisch, wie es teilweise dargestellt wird.

Gesetzmäßig ist es momentan noch blöd, wie das mit Zivildienst und Bundesheer geregelt ist. Als Transmann ist man automatisch untauglich. Damit hatte ich persönlich zu kämpfen. Ich verstehe nicht, wieso das Probleme machen sollte, wenn ich zum Zivildienst ginge. Oder auch, dass man kein Blut spenden darf, wenn man trans ist. Nicht aufgrund der Medikamente, die man nimmt, sondern aufgrund des angeblich erhöhten Aids-Risikos.

Es gibt also schon Dinge in unserer Gesellschaft, an denen man noch arbeiten kann. Aus meiner Sicht regen sich bei vielen Themen die Leute aber wegen nichts und wieder nichts auf.

Klammerauf: Vielen Dank für das Interview!

Weiterer Lesestoff

Den ersten Teil des Interviews verpasst? Tom erzählt darin unter anderem mehr über seine persönliche Entwicklung als Transmann und gibt Tipps an Angehörige und Co. Das Interview „Weil’s sonst einfach nicht mehr weitergeht“ kannst du hier lesen.

Naschkatze aus dem sonnigen Burgenland, verabscheut Kaffee, Tee ist ihr lieber. Fanatischer Bücherwurm - hat weder Angst vor literarischen Herausforderungen, noch lässt sie sich ein "Harry Potter"-Buch entgehen. Leidenschaftliche Cellospielerin, ganz zur Freude ihrer Nachbarn. Fan der niederländischen Sprache, auch wenn sie diese noch nicht beherrscht, und stets auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

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