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Wie Schwule ihr Leben am Land meistern

Homosexualität ist für viele Menschen in Österreich noch immer ein Tabu-Thema. Gerade am Land sind homosexuelle Menschen immer wieder mit Diskriminierung konfrontiert. Klammerauf hat mit zwei jungen Männern über ihr Outing, ihr Arbeits- und Schulleben und ihre Ansicht über unsere Gesellschaft gesprochen.

Seit dem 1. Jänner 2019 dürfen gleichgeschlechtliche Paare auch in Österreich heiraten. Der Verfassungsgerichtshof gab den Weg für die „Ehe für Alle“ frei und begründete diesen Schritt mit dem Diskriminierungsverbot des Gleichheitsgrundsatzes. Trotz alledem ist das Thema Homosexualität und LQBTQIA+ noch für viele Menschen in unserem Land ein Tabu-Thema. Laut Umfragen identifizieren sich sechs bis 10 Prozent der Österreicher*innen als schwul, lesbisch, bisexuell oder Transgender.  Während man das Gefühl hat, dass dieses Thema mittlerweile in großen Städten auf mehr Toleranz stößt, können homosexuelle Menschen in ländlichen Gegenden oftmals nur davon träumen. Klammerauf traf zwei junge, homosexuelle Menschen aus kleinen Orten in Niederösterreich, um mit ihnen über das Thema Homosexualität zu sprechen.

Samuel (Anm.: Name wurde von der Redaktion geändert) ist 20 Jahre alt. Er wohnt in einem kleinen Dorf mit etwas mehr als 1000 Einwohnern und arbeitet für einen Konzern in der Automobilindustrie. Seit dem Volksschulalter war ihm klar, dass er nicht wie die anderen Jungs aus seiner Klasse auf Mädchen steht. „Innerlich gewusst hab ich es die ganze Zeit, aber erst in der vierten Hauptschule mit 14 Jahren war es mir bewusst, dass ich wirklich schwul bin“, sagt Samuel. Akzeptieren konnte er es zu diesem Zeitpunkt aber nicht. Die Folgen waren gesellschaftlicher Rückzug, Gefühlsachterbahnen, Panikattacken und eine einjährige Beziehung mit einem Mädchen. Er legte sich sogar einen Plan zurecht, wie er das Thema vertuschen kann. Erst mit 18 Jahren führte dann für ihn persönlich kein Weg mehr an einem öffentlichen Outing vorbei. Die erste Person, der Samuel seine sexuelle Orientierung anvertraute, war seine Mutter. „Ich hatte Angst vor der Reaktion, aber meine Mutter spürte es ohnehin schon seit einiger Zeit und reagierte gelassen. Auch mein Vater ging sehr cool mit dem Thema um“, erinnerte sich der 20-Jährige. In seinem Freundschaftskreis war es auch für niemanden ein Problem.

„Ich habe Alpträume, dass meine Eltern mich rausschmeißen, wenn sie von meiner sexuellen Orientierung erfahren.“

 – David (17), Schüler

Ganz anders geht es dem 17-jährigen Schüler David (Anm.: Name wurde von der Redaktion geändert). Auch er lebt in einer kleinen Gemeinde am Land und auch er war sich schon im frühen Volksschulalter seiner sexuellen Orientierung bewusst. Sich selbst zu akzeptieren fiel ihm aber immens schwer. Er stammt aus einer Familie mit orthodoxem Glauben und bezeichnet seine Eltern als homophob. Mittlerweile akzeptiert er sich selbst, könnte aber niemals offen damit leben. In seinem Freundschaftskreis wissen alle, dass David schwul ist – seiner Familie hingegen würde er es nie offenbaren. Nicht nur aus Angst, sondern auch weil er nicht will, dass sich seine Eltern für ihn schämen müssen.

Für beide war das Outing oder im Fall von David, das begrenzte Outing vor den Freunden, eine Erlösung. Erst mit der Aussprache fiel es beiden leichter, offener zu leben und sich selbst mehr zu akzeptieren. „Durch das Outing hat sich für mich vieles verändert. Ich bin offener und gehe auf Menschen zu. Mittlerweile würde ich mich eindeutig als extrovertierten Menschen bezeichnen“, erklärt Samuel.

Equality

© Jakob Zuser

Wenn die Schule zum Alptraum wird

In der Arbeit hat Samuel kaum Probleme mit Kolleg*innen. „Es gab nach dem Outing schon kleine Schwierigkeiten mit Arbeitskollegen. Doch das waren keine Gehässigkeiten, sondern viel mehr Unsicherheit im Umgang mit mir. Manche glaubten es mir auch nicht – ich würde nicht so wirken, sagten viele. Es hat einfach eine gewisse Zeit gebraucht, bis sich alle mit dem Gedanken abfinden. Anfeindungen oder Beleidigungen hat es nie gegeben“, erinnert sich Samuel. David hingegen musste in der Unterstufe eine schwierige Phase durchstehen. Mobbing gehörte für ihn zum Alltag. Vor allem die älteren Schüler*innen beschimpften ihn gern als „Schwuchtel“ und machten mit gehässigen Aussagen seinen Schulalltag zum Alptraum. Dies änderte sich dann mit dem Wechsel an eine andere Schule in der Oberstufe. Dort gibt es weder mit Mitschüler*innen noch mit Lehrpersonen Konflikte. „Eine Lehrerin meinte sogar, dass sie es total stark findet, dass ich so authentisch bin und zu mir selbst stehe. Solche Aussagen machen mich stolz und stärken mich“, weiß der 17-jährige Schüler.

Einzige Option: Online Dating

Während viele junge, heterosexuelle Männer am Wochenende in Discos oder Bars beim Fortgehen Frauen kennenlernen, bevorzugen Samuel und David eher Online-Dating-Portale. Dort ist es mit Filtereinstellungen leichter, andere homosexuelle Personen zu erkennen. „Grundsätzlich bin ich nicht der große Fan von Online-Dating, aber es ist leider die einzige Option für mich. Ohne das hätte ich bei uns am Land keine andere Möglichkeit, andere Männer kennenzulernen“, erklärt Samuel. In der Öffentlichkeit sprechen beide nur ungern andere Männer an. Die Angst vor Zurückweisung oder peinlichen Reaktionen ist zu groß. Außerdem scheint unter Einfluss von Alkohol bei fremden Personen die Hemmschwelle vor beleidigenden Aussagen zu sinken. „Leider gehört es schon dazu, dass ich beim Fortgehen bei uns am Land manchmal als ‚Schwuchtel‘ bezeichnet werde. Einmal wollte mich sogar ein Typ aufgrund meines Erscheinungsbildes und meiner sexuellen Orientierung verprügeln“, erzählt David. Er flüchtet oft in die Stadt, denn dort fühlt er sich wohler. Die Menschen in Städten seien offener und auch toleranter.

Das Thema behandeln, als wenn es ganz normal wäre. Das wünscht sich Samuel von der Gesellschaft. Es sei unsere Erziehung und die Kultur, die noch daran scheitert, dass sich homosexuelle Menschen gleichberechtigt fühlen. „Ich verstehe nicht, warum der Gedanke, ein Mann müsse eine Frau lieben, noch immer so sehr in den Köpfen vieler Menschen verankert ist. Die Gesellschaft muss Umdenken und lockerer werden. Diesen Ansatz erkenne ich bereits im städtischen Raum, dort gibt es mehr Menschen, mehr Vielfalt, mehr Toleranz – am Land gibt es eindeutig noch Aufholbedarf“, meint Samuel.

Begonnen hat seine Karriere wie bei vielen kleinen Jungs am Fußballplatz. Aber auch musikalisch ist er begabt, spielt Cello, E-Gitarre, E-Bass und ein bisschen Klavier. Er liebt Katzen bis zum "Dead-End" und kämpft dabei mit seiner Katzenhaarallergie. Für abenteuerliche Wettabmachungen in langen Nächten ist er bereit.

Comments
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    Super Artikel, auch sehr gut geschrieben. Könnten wir durchaus auch in der NÖN veröffentlichen, wenn du willst 😉 Alles Gute!

    26. März 2020
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    Maja Bazler

    Gratuliere Jakob, endlich noch jemand der sich, wie ich, kein Blatt von der Mund nimmt 👍🏼

    26. März 2020
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    Jutta Streimelweger

    Wirklich gelungener Artikel, lieber Jakob! Hoffe, dass ich künftig noch mehr von dir lese 🙂

    26. März 2020
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    Tarzan Guenter

    Lieber Jakob, das ist ein sehr informativer Artikel. Der eine Problematik, behandelt über die man nie spricht. Egal ob es einen betrifft oder nicht. Es ist ein Mutmacher für Leute die sich entweder nicht trauen sich zu outen und andere Männer anzusprechen oder angst vor Anfeindungen, Hass und schiefen Blicken haben. Thumbs up von mir!

    25. März 2020
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