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Wofür brauchen wir einen Frauen*kampftag?

Jährlich wird am 8. März der Internationale Frauen*tag gefeiert. Allerdings gibt es eigentlich nicht wirklich etwas zu feiern, denn Frauen*, Lesben, Inter-, nicht-binäre und Trans-Personen auf der ganzen Welt sind von struktureller Diskriminierung, Sexismus und patriarchalen Machtgefällen betroffen. Warum dieser Tag absolut nötig und wichtig ist, zeigt sich am Fallbeispiel einer Gastautorin, die anonym bleiben möchte (Name der Redaktion bekannt).

Letztes Jahr war der 8. März ein Sonntag und ich war übers Wochenende bei einer Freundin zu Besuch. Wir haben zur Feier des Tages eine Podiumsdiskussion besucht und uns dann auf den Weg zur Demo zum internationalen Frauen*kampftag gemacht. Der Heimweg zeigt dann exemplarisch, warum es einen Internationalen Frauen*KAMPFtag braucht.

8. März 2020

Da der Fernbus verspätet ist muss ich mich beeilen in die Bim umzusteigen. Ich wohne ländlich, also gibt es besonders am Sonntag nur wenige Verbindungen dorthin. Geschafft, mit einem kurzen Sprint, hab ich die Straßenbahn erwischt. Einsteigen, hinsetzen, aufs Handy schauen. Mir fällt auf, dass mich eine von mir als männlich* gelesene Person anstarrt, immer wieder, immer länger. Unangenehm. Weird.

Mir fällt ein, dass ich noch den Glitzer von der Demo im Gesicht habe. Vielleicht schaut er ja deswegen so, denk ich mir, da kann man(n) schon mal schauen… Okay. Irgendwann ist aber genug, ich will nicht angestarrt werden. Ich starre zurück – erst noch leicht belustigt (er starrt weiter), dann angestrengt (er starrt weiter), schließlich vorwurfsvoll. Er nickt mit dem Kopf Richtung Tür, er starrt weiter. Es ist mir unangenehm, zu blöd, ich mag das nicht – lass das! Der Mann* drückt auf den Knopf für den Haltewunsch – juhu, denke ich, er steigt aus.

Er steigt aber nicht aus, ich habe mich zu früh gefreut. Er hatte doch auf den Knopf gedrückt?! Plötzlich macht er einen Schritt in meine Richtung und setzt sich auf den freien Klappsitz neben mich. In mir herrscht völlige Alarmstimmung, jeder Muskel meines Körpers ist angespannt, ich fühle mich so unwohl, ich will das nicht, ich möchte weit, weit wegrennen. So weit wie irgend möglich. Weg von diesem Typen, wegen dem sich mein Bauch umdreht und sich alles in mir verkrampft. Er sitzt also neben mir. In gebrochenem Englisch fragt er mich nach meiner Nummer. Ich sage „No“, drehe mich weg, starre konzentriert auf meinen Handybildschirm. Er faselt etwas von „number“ und deutet in Richtung Tür – meint er die Straßenbahnnummer? Ich frage nach: „What? Do you want my telephone number?” Er meint wieder etwas mit Nummer. Ich sage wiederholt deutlich nein.

Ich habe nur noch eine Station, dann muss ich in die U-Bahn umsteigen. Was soll ich tun, frage ich mich. Nun spricht er von „Let’s get out. Only for two minutes.” Mittlerweile bin ich nahe der Verzweiflung. Aussteigen – was, wenn er mir folgt? Weiterfahren – es werden immer weniger Leute, je näher wir der Endstation kommen; dann müsste ich auch noch eine Stunde lang irgendwo herum warten, da ich ja die Anschlussverbindung verpasse. Was soll ich tun? Ich beschließe auszusteigen wie geplant. Im Notfall wäre er nicht viel größer als ich und eher schmächtig, die U-Bahn-Station ist außerdem voller Menschen, die ich potentiell um Hilfe bitten könnte. 

Kurz vor die Straßenbahn also hält, stehe ich auf und gehe zur Tür. Er tut es mir gleich. Sobald die Bim angehalten hat und sich die Tür öffnet, springe ich hinaus und gehe so schnell ich kann in Richtung U-Bahn ohne mich umzudrehen. Erst unten angekommen, in einer ziemlich vollen Station, traue ich mich zurück zu schauen. Mein Herz rast, mein Atem ist flach und schnell. Ich fühle mich meiner Sicherheit beraubt.

Es gibt keinen Ort, an dem ich mich jetzt sicher fühle

Er ist weg. Trotzdem. Was, wenn er wieder kommt? Sich versteckt? Mir gefolgt ist? Ich fühle mich unsicher! Nicht wohl. Ich kann an keinen Ort der Welt denken, an dem ich mich jetzt sicher fühlen würde. Ich fahre also Heim – aber nicht irgendwie, sondern in Angst. Ich bin angespannt und wütend. Eine Station vom Geschehen entfernt fange ich an zu weinen. Mir egal, sollen es alle sehen. Sollen sie es doch sehen! Am Weltfrauen*tag! Ich wische mir die Tränen nicht einmal von den Wangen. 

Als ich aussteigen muss, halte ich mich an meinem Haustürschlüssel fest. Als würde der mich beschützen, klemme ich ihn zwischen meine Finger wie es Frauen* lernen zu tun. Daheim angekommen sperre ich die Tür zu. Eigentlich sperre ich die Tür nicht zu, wenn ich zuhause bin. Meine Tür kann von außen nicht geöffnet werden, warum soll ich also absperren? Heute schon. Ich sperre sie zu. Ich fühle mich nicht sicher, ich kann nicht mehr.

Dieses Erlebnis ist verhältnismäßig „gut“ ausgegangen, ich habe mich „nur“ einen Abend in meinen eigenen vier Wänden nicht sicher gefühlt. Die Folge für mich ist, dass ich beim Einsteigen in öffentliche Verkehrsmittel einen prüfenden Blick herumschweifen lasse – wer ist in meiner Nähe, potentielle Gefahrenquellen, Männer*, wie viele Frauen* beziehungsweise potentielle Verbündete im Fall des Falles.

 

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Antworten auf die Frage „24 Stunden ohne Männer – was würden Sie tun?“ aus dem Standard Forum © Grafik: Klammerauf

Damit bin ich nicht allein: Im Standard-Forum wurden Userinnen* dazu befragt, was sie denn machen würden, wenn es für 24 Stunden keine Männer* gäbe. Die Antworten waren unter anderem „nachts alleine spazieren gehen oder joggen“, „ohne BH rausgehen“, „feiern gehen, ohne begrapscht zu werden“, sich „mehr trauen (freizügige, auffallende Kleidung tragen)“ oder „im Fitnesscenter ruhig und unbeobachtet trainieren“. Um die Diskrepanz zwischen Männern* und Frauen* aufzuzeigen: Männer* würden in der umgekehrten Situation 24 Stunden lang ohne Frauen* „nichts“ tun, „mit allen vergebenen Freunden was trinken gehen“ und „dasselbe wie immer“. Frauen* bauen im Gegensatz dazu in ihr tägliches Leben aktiv Schutzmechanismen ein, machen Dinge nicht, die sie gerne tun würden, um gefährlichen Situationen, Männer*gewalt und Belästigung aus dem Weg zu gehen. Das sollte uns allen zu denken geben!

Der Weltfrauen*tag ist kein Tag zum Feiern, sondern zum Kämpfen. 

Deshalb braucht es einen Frauen*KAMPFtag

Laut einer Befragung der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen* machen acht Prozent der Frauen* in Österreich nach ihrem 15. Lebensjahr Erfahrungen mit sexueller Belästigung; Jede Fünfte Frau* hat sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt – jede*r von uns kennt fünf Frauen*: Schwestern, Töchter, Mütter, Freundinnen, Bekannte. Wir leben täglich in einer Gesellschaft, die unsere körperliche und seelische Unversehrtheit nicht garantieren kann. Ungefähr jede zehnte Frau* hatte in dem Jahr vor der Befragung zumindest manchmal Angst vor körperlichen oder sexuellen Übergriffen gehabt. Dass Frauen* mit solchen Lebensrealitäten keine Einzelfälle sind, sondern jede*r jemanden kennt, sollte ein Weckruf sein. Wie immer gilt: Was die Betroffenen brauchen, ist nicht euer Mitleid – sie brauchen eure Wut!

Der Weltfrauen*tag ist kein Tag um zu feiern, er ist einer um zu kämpfen. Gegen eine Kultur der Vergewaltigung, die auf Sexismus, gewaltvollen Männ*lichkeitsbildern, Ungleichbehandlung, Diskriminierung und Unsichtbarmachung aufbaut. Wir brauchen einen Weltfrauen*kampftag ohne Blumensträuße, halbherzige Gratulationen, Rabatte auf Make-Up und günstige Schuhe, dafür aber ernstzunehmenden Bestrebungen gegen patriarchale Machtverhältnisse und -ungleichgewichte. Dies wird uns nur gelingen indem wir wütend werden auf dieses System – indem wir Ungerechtigkeit aufzeigen, indem wir uns damit beschäftigen was falsch läuft und Betroffenen zuhören!

Weitere Informationen und Anlaufstellen

Warum Männer*/Frauen* und nicht Männer/Frauen im Text steht? Der Genderstern soll zeigen, dass es nicht den Mann* und die Frau* gibt. Frauen* und Männer* sind heterogene Gruppen an Menschen mit den unterschiedlichsten Facetten, Interessen, Vorlieben, Hobbies, Fähigkeiten und Lebensmodellen. Der Stern im Wort soll darauf verweisen und sichtbar daran erinnern, dass Frau*lichkeit und Männ*lichkeit von Menschen verschieden gelebt wird. Männer* müssen also nicht … und Frauen* sollen nicht …, damit sie eine Frau*/ein Mann* sind. Das individuelle Ausleben von Geschlecht durch die jeweilige Person und die Selbstidentifizierung stehen im Vordergrund, genauso wie die Koexistenz verschiedener Interpretationen.

Frauenberatungsstellen bei sexueller Gewalt:

Oberösterreich, Autonomes Frauenzentrum

Vorarlberg, Institut für Sozialdienste

Steiermark, Beratungsstelle TARA

Tirol, Frauen gegen Vergewaltigung

Wien, Niederösterreich und Burgenland, Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt 

Salzburg Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt

 

Notrufnummern:

Frauennotruf Salzburg 0662 88 11 00

Frauen*helpline: 0800/222 555 (österreichweit, anonym, rund um die Uhr, kostenlos)

Frauen*helpline gegen Gewalt für gehörlose Frauen*

24-Stunden Frauennotruf, Hilfe für Frauen und Mädchen bei Gewalt: 01 71 71 9 (rund um die Uhr erreichbar, auch an Sonn- und Feiertagen; kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym), telefonische Beratung in Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Englisch, Farsi, Polnisch und Spanisch

HelpCh@t Onlineberatung für Frauen* und Mädchen* (jeden Montag von 19.00 bis 22.00, außer an Feiertagen). Der Helpchat ist eine virtuelle Beratungsstelle für Frauen und Mädchen, die in ihrem Lebensumfeld von Gewalt in jeder Form – psychisch, physisch, sexuell – betroffen sind.

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