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Zeug*innen Jehovas: Ein Aussteiger erzählt

Klammerauf hatte die Möglichkeit, sich mit Mario zu treffen, welcher von seinen Erfahrungen als Aussteiger der Zeug*innen  Jehovas erzählte.

Wir erkennen sie eigentlich nur, wenn sie mit dem Wachturm in der Hand am Bahnhof stehen oder auch vor unserer Haustür – die Rede ist von den Zeug*innen Jehovas. Jeder von ihnen ist Teil einer Glaubensfamilie, welche das ganze Leben bestimmt. Doch wer sich gegen diese Glaubensgemeinschaft entscheidet, muss meist mit sozialer Isolation und Ächtung rechnen. Mario entschied sich im Oktober 2019 gegen die in Österreich anerkannte Glaubensgemeinschaft. Im Gespräch erzählt er von seiner Zeit bei den Zeug*innen und seiner neugewonnenen Freiheit.

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“Wachturmgesellschaft” © Hanna Reinstadler, 2019
Als Wachtturm-Gesellschaft bezeichnet man die organisatorische Zentraleinrichtung der Zeug*innen Jehovas.

Der Weg zu den Zeug*innen

Mario wurde nicht als Zeuge geboren, sondern trat der Glaubensgemeinschaft erst in seiner Jugend bei. Der Grund dafür war, dass Mario sich in eine Zeugin verliebte. Doch um in eine gemeinsame Zukunft zu starten, musste Mario den Zeug*innen Jehovas beitreten und ließ sich taufen. Durch seine Partnerin beschäftigte er sich immer häufiger mit dem Offenbarungsbuch – es gab ihm Antworten auf wichtige Fragen zu Themen wie dem Sinn des Lebens, der Zukunft und dem Tod.

Mario beschreibt die Versammlungen im sogenannten Königssaal als enorme Energie. „Man findet ein unglaubliches Gefühl von Gemeinschaft vor.“ Er war für viele Jahre ein überzeugter Anhänger der Zeug*innen Jehovas, besuchte regelmäßig Versammlungen und hielt sich an die Regeln. 

Schattenseiten

Mario erzählt aber auch von den Schattenseiten, dass das Leben der Zeug*innen Jehovas mit sich bringt. Als Zeuge Jehovas muss man vielen Regeln folgen. Sex vor der Ehe ist verboten – deswegen heiraten viele Zeug*innen sehr jung, ohne den Partner oder die Partnerin wirklich zu kennen. Durch die frühe Heirat sind viele Paare unglücklich – Mario musste diese Erfahrung auch machen. Außerdem darf man an keinen Festen teilnehmen, sogar der eigene Geburtstag wird nicht gefeiert. Man wird angehalten nur Inhalte zu konsumieren welche von Zeug*innen Jehovas publiziert worden sind. Auch wird Zeug*innen abgeraten Universitäten zu besuchen, damit diese nicht von den weltlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Mario nennt dies die ‚perfekte Isolation‘. Die Organisation dringt tief ins Privatleben der Mitglieder ein und will alles bestimmen. „Die Organisation bringt dein komplettes Selbstwertgefühl und deine Neugier komplett runter, dass du dich dann gar nicht traust.“, erzählt Mario.

Die Abwärtsspirale

Irgendwann begann sein Bild zu bröckeln; Laut Mario fand ein Prozess in ihm statt.  Er fing an zu realisieren, dass die Organisation der Zeug*innen Jehovas nichts mit Gott zu tun hat. Er recherchierte im Internet nach Informationen von anderen Aussteiger*innen, welche ihn zum Nachdenken brachten. „Und dann begann die Abwärtsspirale. Dieses ganze Glaubenskonstrukt, diese ganze Welt, die ich mir in 20 Jahren erschaffen habe, begann zu brechen. Und dann habe ich angefangen zu realisieren, wo ich eigentlich war.“

If your in a cult you don’t know that your in a cult

  Amber Scorah, Aussteigerin

Mario zitiert während dem Gespräch mit Klammerauf, Amber Scorah – die selbst Aussteigerin ist. Damit will er sagen, dass man als aktiver Zeuge oder aktive Zeugin nicht bemerkt, wie die Glaubensgemeinschaft einem negativ beeinflussen kann.

Der Ausstieg und soziale Ächtung

Vor circa einem Jahr hat Mario aufgehört Versammlungen zu besuchen und wurde zu einem inaktiven Zeugen. Vor wenigen Monaten traf er die Entscheidung endgültig auszutreten, was ein gemischtes Gefühl bei ihm auslöste. Einerseits verspürte er eine Freiheit, welche er schon seit 20 Jahren nicht mehr verspürt hat. Gleichzeitig erzählt er von einer wahnsinnigen Einsamkeit. Alle sozialen Kontakte haben sich verabschiedet, denn Aussteiger werden bei den Zeugen geächtet. „Man geht raus und hat niemanden“, meint Mario. Vor dem Ausstieg war das anders. Damals hatte er eine Vielzahl an Freund*innen, die er anrufen konnte, wenn ihm danach war. Heute durchsucht er seine Kontaktliste und da ist niemand, den er anrufen kann.

„Oft kommen die Aussteiger zurück“, berichtet Mario, „Jedoch nicht aus Glaubensgründen, sondern weil sie einsam sind und weil sie die familiäre Situation und den damit verbundenen psychischen Stress nicht aushalten.“

Neu gewonnene Freiheit

Doch Mario bereut seine Entscheidung nicht. Seine neu gewonnene Freiheit vergleicht er mit Fliegen. Auf Facebook besitzt er eine Aktivisten Seite, in welcher er Videos und Artikel aus der Gesellschaft zum Thema der Zeug*innen zeigt und kritisch analysiert. Er vernetzt sich dort mit anderen Aussteiger*innen, und findet dadurch Mut um neue soziale Kontakte aufzubauen. Auch schreibt er an einem Poetry Slam Text, in welchem er seine Gedanken verarbeitet. Die kleine heile Welt welche bei den Zeug*innen Jehovas geschaffen wird, ist für Mario zerbrochen. Doch nun verspürt er eine unglaubliche Lebenslust und möchte sein Leben in Freiheit genießen.

Südtiroler Sportmuffel ernährt sich vegetarisch und liebt Schokolade. So wie ihr halbblinder Malteser-Mischling ist auch sie manchmal orientierungslos und tollpatschig. Zu ihrem Glück wohnt sie in einer 6er WG, denn sie vergisst gerne ihre Schlüssel. Solange die Pflanzenliebhaberin aber einen Pfefferminztee zu trinken hat, ist sie zufrieden.

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